Mit dem Mountainbike unterwegs in Montenegro

Reisebericht von Bike Adventure Tours

Die faszinierenden Gegensätze an der Adria

Der kleine Balkanstaat Montenegro hat nicht nur schöne wildromantische Küstengebiete und belebte Strände an der Adria zu bieten, sondern auch ein bergiges karges einsames Hinterland, das darauf wartet mit dem Bike entdeckt zu werden. Biker, die das Abenteuer lieben finden hier ein noch weitgehend unberührte Täler und Schluchten, die auf alten, holprigen Pfaden erkundet werden. Obwohl der junge Europastaat mit seinen nur gut 650'000 Einwohnern sehr klein ist, bietet er seinen Besuchern auf engstem Raum unterschiedlichste Landschaften: Fjorde, Buchten, Schluchten, Strände, Seen und alpines Gebirge mit bis zu 2000 Meter hohen Gipfeln. Die Schlucht des Tara-Flusses ist der zweittiefste Canyon (nach dem Grand Canyon) und am südlichsten Fjord von Europa befindet sich die alte Hafenstadt Kotor, Unesco-Weltkulturerbe seit 1979. Montenegro ist im Süden umgeben von Albanien und dem Kosovo, grenzt im Norden an Kroatien und Bosnien-Herzegowina und im Osten an Serbien. 

die pittoreske Küste der montenegrinischen Adria

 

Willkommen in Montenegro!

Wir hatten uns die Küste des Mini-Staates wie eine Fortsetzung Kroatiens zwischen Split und Dubrovnik vorgestellt: Deutsche und Österreicher lümmeln am Meer dahinter ragen die bleichen Karstberge steil in den Himmel. – Weit gefehlt: Das Küstengebirge ist hier in Montenegro fast noch imposanter, doch deutsche Wortfetzen hört man eher selten. Die Strände sind fest in der Hand der Russen – und Russinnen. Ein Geheimtipp sind sie nur für die Westeuropäer, obwohl diese bereits in den 1980er Jahren Montenegro für ihren FKK-Urlaub und günstige Familienferien entdeckt hatten. Doch dann kamen die ethnischen Auseinandersetzungen, der Krieg im angrenzenden Kosovo. Crna Gora, der schwarze Berg (Monte Negro), verschwand zehn Jahre als Urlaubsziel von der Bildfläche, obwohl das Land selbst nie Schauplatz der Kämpfe war. Nachdem Montenegro nahezu 90 Jahre zu Jugoslawien gehört hatte, erklärte es 2006 seine Unabhängigkeit und emanzipierte sich ein Stück weit von Serbien, führte sogar den Euro als offizielle Währung ein. Touristen wie wir sollen jetzt den wirtschaftlichen Aufschwung in Europas jüngsten Staat bringen.

Die Trails in den Schluchten des Balkans...

Nachdem wir die russischen Schönheiten auf der Strandpromenade von Budva ausreichend bewundert haben, sind wir bereit für das Abenteuer auf zwei Rädern: Auf zu den Schluchten des Balkans, Karl May auf den Spuren! Unser Ziel: Wir wollen die schroffen Berge oberhalb der drei tief eingeschnittenen Buchten von Kotor, Risan und Tivat erkunden, Trails scouten und so weit wie möglich ins Hinterland vordringen. Bereits am ersten Tag, bei der Tour über den rund 1’600 Meter hohen Orjen-Sattel, beschert uns diese Strategie spektakuläre Ausblicke auf die tiefblaue Adria unter uns. Bei der Abfahrt auf rauen Karrenwegen überbieten wir uns dann gegenseitig mit Plattfüssen – zu wenig Luft im Pneu ist auch keine Lösung. Ach ja: Singletrails finden wir keine. Soll heissen: Es gibt sie natürlich, aber sie sind komplett mit Dornengebüsch zugewachsen und mit grobem Geröll übersät, wie uns Bike-Guide versichert. Er hat es selbst ausprobiert – und sah danach aus wie ein Dackel, der sich mit einer Katze angelegt hat. Weil er das sogar mit eindrucksvollen Fotos belegen kann, entscheiden wir uns mit einem weinenden Auge, die vielen Höhenmeter in die Bucht von Risan auf Asphalt zu vernichten. Der Vorteil: Es bleibt noch Zeit, das pittoreske Städtchen Perast zu erkunden, ehe wir mitsamt unseren Bikes ein Boot besteigen, das uns – vorbei an russischen Luxusyachten – nach Tivat bringt. 

Am nächsten Morgen kurbeln wir hoch zum Vrmac, dem Hausberg von Tivat. Thomas erklärt uns, dass hier bis vor 100 Jahren die Grenze der österreichisch-ungarischen Monarchie zum montenegrinischen Fürstentum verlief. Die Österreicher pflanzten zur Sicherung ihrer Gebiete unzählige Festungen in die Berge, die untereinander mit Militärstrassen, Versorgungswegen und Maultierpfaden verbunden sind. Davon profitieren wir jetzt, denn wer schwere Militärfahrzeuge bewegen will, darf die Trassen nicht allzu steil in den Fels meisseln. So bleibt genug Zeit zum Schauen und Staunen. Irgendwann muss der damals zuständige Bauingenieur aber gefeuert worden sein. Denn der zunächst so sanfte Militärweg steilt plötzlich ziemlich fies auf und fällt uns fast ins Gesicht. Keuchend und schwitzend kommen wir oben an – und sind gleich wieder versöhnt: Denn wir blicken hinab auf ein Duett aus Felswänden und Meer, das den Vergleich mit Norwegens Fjordlandschaften bestimmt nicht scheuen muss. Erstmals sehen wir die berühmte Bucht von Kotor, eingerahmt vom 1.500 Meter hohen Lovcen-Gebirge. Wir erkennen sogar ein dickes Kreuzfahrtschiff in dem geschützten Naturhafen, dessen Passagiere sich gerade aufmachen, die Altstadt von Kotor zu stürmen und die Souvenirläden leer zu kaufen. 

Wir indes geniessen die Ruhe und die „away-from-it-all“-Atmosphäre hier oben. An der Festung Vrmac vorbei cruisen wir durch typische Mittelmeer-Vegetation mit Macchia, Steineichen, Pinien, Zypressen und Zitrusbäumen bis nach Budva, wo – im Wortsinn – das pralle Leben wartet, wovon wir uns ja schon überzeugen durften. Budva, das ist ein bisschen „Malle“ auf Russisch, Ballermann Ost. Es gibt zwar eine sehenswerte, autofreie Altstadt mit engen Gassen. Doch rund um das historische Zentrum tobt der russische Bär. Auf den Decks der Yachten kreist morgens schon die Wodkaflasche: Ein guter Tag fängt in Montenegro eben hochprozentig an. Das Schöne daran: Der Alkohol vernebelt den Blick auf die Bauruinen am Rand der Bucht und auf die für ein relativ armes Land wie Montenegro geradezu obszön hohen Preise. Budva wird nicht umsonst „Moskau an der See“ genannt. Vom nahe gelegenen Flughafen bei Tivat gibt es täglich mehrere Verbindungen in die russische Hauptstadt.

 

 

Frieden und Ruhe an der Adria

Für uns Bike-Touristen machen genau diese Gegensätze den Reiz einer solchen Reise aus. Und wer genauer und vorurteilsfrei hinsieht und mit den Leuten ins Gespräch kommt, merkt bald, dass es nicht nur trinkwütige Russen gibt. Sie folgen vielmehr einer alten Tradition, denn bereits im 19. Jahrhundert zog es wohlhabende Russen auf der Suche nach wärmeren Gefilden nach Südosteuropa. Doch die vielen Sonnenstunden sind heute nicht mehr der Hauptgrund für ihre Flucht auf Zeit. An der Adria finden sie Frieden und Ruhe – Werte, die in Russland selbst inzwischen ein knappes Gut sind. Vor allem Moskau ist nach Ansicht vieler ein Ort geworden, an dem man nicht mehr leben will. Jene Russen, die es sich leisten können, verlassen deshalb das Land und gehen nach Montenegro. Dank der starken kulturellen und historischen Bande wird der Balkanstaat, für viele von ihnen zur zweiten Heimat. 

Dennoch wollen wir den Trubel jetzt hinter uns lassen. Fast tausend Meter oberhalb von Budva, bei der alten k.u.k.-Festung Kosmac, beginnen wir unsere Tour. Kosmac war zu Zeiten des Kaiserreichs das südlichste Bollwerk gegen die Osmanen. Uns wird einmal mehr bewusst, dass genau hier die Nahtstelle zwischen West- und Osteuropa, zwischen Norden und Süden, und natürlich auch zwischen den drei Religionsgemeinschaften – Muslime, Katholiken, Orthodoxe – verläuft. Tatsächlich endet unser Singletrail, der sich wunderschön an den Bergrücken anschmiegt und uns mit kniffligen Rock-Garden-Passagen ordentlich fordert, an dem orthodoxen Kloster Ogradenica. Was für ein Kontrast: Budva und das Kloster, Sünde und Seelenheil, liegen nur zehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt.

Wir tauchen ein in eine andere Welt. Anfangs sind die Nonnen und ihr Abt sehr zurückhaltend. Skeptisch beäugen sie unsere Mountainbikes. Doch dann tauen sie auf, stellen Fragen, zeigen uns das Kloster und laden uns sogar auf den unvermeidlichen Raki ein – ein bisschen Sünde darf auch hier oben sein. Auf einer „Geschüttelt, nicht gerührt“-Piste geht es sodann im Kamikaze-Stil hinab zum Meer. Dabei haben wir stets die noble Hotel-Insel Sveti Stefan im Blick. Ob man das Luxus-Resort wohl besichtigen kann? Thomas meint nur: „Vergiss‘ es. In unseren verdreckten und verschwitzen Klamotten würden wir nicht einmal zur Lobby vordringen.“ Wird wohl nichts mit den Paparazzi-Fotos von Brangelina.

Biker im Hinterland Montenegros

 

Das wilde Hinterland

Aber wir wollen ja auch weg vom Meer, weg vom süssen Leben, hinein ins wilde Hinterland. Auf einer aufgelassenen Eisenbahntrasse überqueren wir die Küstenberge und radeln, vorbei an einsamen Gehöften mit scharfen Hunden, zum Skutari-See, dem grössten Binnengewässer des Balkans. Der zum Nationalpark erklärte, äusserst fischreiche See ist ein Paradies für unzählige Piepmätze, das grösste Vogelreservat Europas. Bei einer ausgedehnten Bootsfahrt entdecken wir sogar Pelikane. Weil uns der Kapitän mal wieder mit Rotwein und Raki abfüllt, glauben wir irgendwann sogar einen ganzen Schwarm Pelikane zu sehen. Entsprechend schwer fällt uns der Uphill zur alten Königsstadt Cetinje, wo für immerhin acht glamouröse Jahre Montenegros Monarchen-Familie in einer Jugendstilvilla residierte. König Nikola herrschte hier mit Gattin Milena und zahlreichen Töchtern, die er in halb Europa verheiratete. 1918 ging Montenegro im Königreich Jugoslawien auf, die Royals siedelten nach Frankreich über. Der Nachkomme Nikola Petrovic, ein französischer Architekt, übernimmt seit der Unabhängigkeit wieder repräsentative Aufgaben für das Land. Montenegrinisch musste er allerdings erst lernen. 

Anderntags dringen wir ins Herz des Lovcen-Nationalparks vor. Die Auffahrt zum Wahrzeichen Montenegros – dem Mausoleum des Dichterfürsten Njegos – führt durch eine wilde Karstlandschaft, in der es nicht weiter verwunderlich wäre, stünde plötzlich Winnetou mit seiner „Silberbüchse“ am Wegesrand. Das überdimensionierte, sündhaft teure Mausoleum lässt uns etwas ratlos zurück. Dafür ist der Trail hinab nach Njegusi, dem Geburtsort des Dichterfürsten, ein echter Leckerbissen. Wir übernachten beim lokalen Mafia-Patron, der seine Magnum gut sichtbar neben der antiken Kasse seines Gästehauses platziert hat. Am Morgen des letzten Tages kaufen wir würzigen Rohschinken ein, für den Njegusi ebenfalls berühmt ist. Dann nehmen wir die wenigen Höhenmeter zum Krstac-Pass in Angriff – und sehen erstmals wieder die Bucht von Kotor tief unter uns. Allmählich schliesst sich der Kreis. Doch Thomas hat noch ein Extra-Zuckerl parat: Als echter Österreicher will er uns den historischen Kaiser-Franz-Josef-Weg natürlich nicht vorenthalten, auch wenn das noch einmal zusätzliche Höhenmeter bedeutet. Es lohnt sich in jedem Fall: Der halb verfallene Weg windet sich in unzähligen Spitzkehren der Bucht entgegen und gewährt Traumblicke auf die zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobene Altstadt von Kotor.

Kaiserin Sissi wäre ganz sicher begeistert gewesen. Sie liebte das Meer. Auf ihre Schulter hatte sie sich sogar einen Anker tätowieren lassen.

Reiseinfos: Bikereise in Montenegro

Reisebericht-Autor: Bike Adventure Tours-Team