Entlang dem Panj-Fluss in Tadschikistan

Reisebericht von Reiseleiterin Martina Friemel

 

Als Radreiseveranstalterin und Radreiseleiterin für Bike Adventure Tours reise ich seit einigen Jahren mit grosser Leidenschaft mit meinem Fahrrad durch die Welt. Im Juli 2015 begleitete ich für vier Wochen meinen Partner Claude Marthaler auf einer Radreise in Tadschikistan und Kirgistan. Claude ist ebenso passionierter Cyclonaut, Reisejournalist, Buchautor und Reiseleiter. In meinem Reisebericht erzähle ich von unserem Abenteuer in einem Land, in dem bereits Alexander der Grosse und Marco Polo Geschichte geschrieben haben. Ich berichte von der Seidenstrasse, hohen Pässen, endlosen Ebenen, weitläufigen Gletschern und einer wilden Natur mit Menschen, deren Gastfreundschaft selbstverständlicher Teil ihres harten Lebens ist.

Wiedersehen in Tadschikistan (Khorog)

Nach einer langen, mühsamen Jeepfahrt von Dushanbe nach Khorog treffe ich im südlichsten Zipfel der Ex-Sowjetunion Claude. Bereits seit drei Wochen ist er mit dem Rad in Tadschikistan unterwegs. Wir freuen uns über unser Wiedersehen. Im Schatten eines Ahorns sitzen wir in gemütlicher Runde auf einem Tapchan im bunt blühenden Garten unseres Guesthouses. Bei Chai und Nan lausche ich ganz gespannt Erzählungen von vielen schönen Erlebnissen.

Wiedersehen mit Claude

Marktreiben von Khorog

Gleich am nächsten Tag tauchen wir in das Markttreiben von Khorog ein. Für unser abenteuerliches Unternehmen, den Flusslauf des Panj, die natürliche Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan, mit dem Rad flussaufwärts zu fahren, kaufen wir heute genügend Vorräte ein. Das Getümmel auf dem bunten Markt ist gross. Hier gibt es alles, was die Menschen zum Leben benötigen. Mit Jeeps oder ausrangierten deutschen Kleinbussen mit verblassten Aufschriften wie «Installation Obermüller» kommen sie Woche für Woche von weit her nach Khorog, die Hauptstadt des autonomen Bezirks Gorno-Badakhshan: erntefrisches Gemüse, Brot Joghurt, Reis, Nudeln und Buchweizen, Stoffe, Werkzeuge, Autoteile und nicht zu übersehen die kunterbunten Türme von Plastikartikeln aus China.

Es duftet nach frischem Nan (Brot): typischerweise werden die Teigfladen an der Innenwand des eingefeuerten Tandooriofens, gleich einer grossen tönernen Kalebasse, goldbraun gebacken.

Im Schatten kleiner Sonnenschirme oder geschickt drapierter Plastikplanen sitzen die Marktfrauen hinter ihren Waren und haben ihre grosse Freude an unseren Einkäufen. Mit ihren Pantoffeln, blumenbedruckten Schlabberhosen und knielangen Kitteln könnte man vermuten, sie hätten am Morgen vergessen das Pyjama auszuziehen. Doch die locker nach hinten gebundenen Kopftücher, eine übergrosse Sonnenbrille und die vereinzelt golden blitzenden Zähne (beides Zeichen für einen Wohlstand) zeigen dann doch, dass sie Wert auf ihr Äusseres legen. Ihre zurückhaltende Freundlichkeit lässt uns gelassen die Marktstände inspizieren. Um uns herum hat sich eine ganze Schar junger Frauen versammelt, sich amüsierend über die kleinen Portionen, die wir einkaufen: 500g Reis, 500g Nudeln, 750g Buchweizen und verschiedene Gemüse....Schweigen, als dann die «Chefin» sehr konzentriert die Beträge in eine kleine Rechenmaschine eintippt.

Das Naturschwimmbad von Khorog bleibt ausschliesslich der Männerwelt vorbehalten. Die Frauen sitzen in Grüppchen plaudernd abseits im Schatten der hochgewachsenen Pappeln auf der grünen Parkwiese. In der prallen Mittagssonne bei Temperaturen von über 30° gibt es auch für uns nichts Schöneres als ein kühles Bad! Man munkelt, dass es eine junge Frau gibt, die morgens kurz nach Sonnenaufgang ihre Bahnen zieht.

Im richtigen Moment alles griffbereit – das ist nun die Kunst jedes Teil in einer der vier Radtaschen, die jeder von uns vorne und hinten am Rad mit sich trägt, zu verpacken....wir sind bereit.

Markttreiben in Khorog

Das Radreiseabenteuer beginnt - dem Panj-Fluss entlang

Kurz nach Sonnenaufgang, überwältigt von der Energie des neuen Tages und einer atemberaubenden Schönheit der umliegenden Bergkulisse, starten wir unser Abenteuer. Wir verlassen Khorog, was uns von oben gesehen trotz seiner 28 000 Einwohner in der engen Talsohle zu Füssen der erhabenen Bergmäjestäten wie ein kleines Dorf erscheint. Mit flüsterndem Rauschen in dieser Morgenstille fliesst der Panj, auch Oxus genannt, neben uns und wird fortan für die nächsten Tage auf unserer Fahrt durch das Whakan Valley unser treuer Begleiter sein.

Am Panj-Fluss

Das gegenüberliegende Ufer - Afghanistan

Unweigerlich geht unser Blick immer wieder an das andere Ufer, was friedlich in der goldenen Morgensonne schlummert. Dieses geheimnisvolle, kriegsgebeutelte Afghanistan macht uns neugierig. Ein Weg schmiegt sich an die linke Seite der Talsohle, auf und ab, mal enger, mal breiter und immer wieder malen wir uns aus, wie Karawanen dort entlang zogen, wie Schmuggel und Handel seinen Weg fanden...Wie laubfroschgrüne Grasbüschel in trockene Erde gepflanzt, spriessen immer wieder Oasen. Im Schatten von sich im Wind wiegenden Pappeln liegen Getreidefelder gesäumt von aus Menschen Hand geschaffenen Mauern. Menschen bestellen ihre Felder, Kinder spielen, Frauen treiben ihre Esel, bunte Tücher trocknen auf den Dächern der kleinen Lehmhäuser, alles ist völlig friedlich. Je höher unser Blick hinauf zu den Bergspitzen schweift, je wundersamer erscheinen uns die Stein für Stein angelegten, steilen, fruchtbaren Terrassen, sattgrün leuchtend im Morgenlicht.
 
Uns begegnen nur wenige Menschen. Hin und wieder braust ungebremst ein Jeep an
uns vorüber. Des Weges durch ein kleines Dorf, winkt uns ein Bauer zu sich und lädt uns  auf einen Chai (Tee) ein. Wir schieben unsere schwer beladenen Räder durch den Bauerngarten, der dem Paradies auf Erden gleicht: üppig wachsen Kartoffeln, Tomaten, Möhren, Zwiebeln und prächtige Blumen, wie Taglilien, die auch in unseren Gärten um diese Zeit blühen. Herzlich werden wir von der ganzen Familie begrüsst. Wir nehmen auf dem mit bunten Teppichen ausgelegten Boden um einen kniehohen Tisch Platz. Zu einem Glas Chai wird uns ein Teller mit kunterbunten Bonbons und frisch geernteten Süsskirschen gereicht. Neugierig werden uns viele Fragen gestellt, die wir so gut es geht beantworten. Für sie ist es sehr ungewöhnlich, dass sich hier europäische Radfahrer verirren. Claude spricht einigermassen Russisch, wie es viele Tadschiken noch zu russischer Zeit, gelernt haben.

Begegnungen unterwegs

Whakan-Tal und Agha Khan

Tadschikistan ist ein muslimisches Land. Doch wie fast alle Bewohner des Whakan-Tals und der Pamirregion, sind sie Ismailiten und gehören damit als Anhänger der Schiiten einer liberalen Minderheit an. Frauen sind meist unverschleiert und tragen bestenfalls ein kleines Kopftuch. Agha Khan ist das geistliche Oberhaupt der Ismailiten. Sie leben weltweit verbreitet, haben aber ihren Ursprung im Pamirgebirge, wo sie nach wie vor in der Überzahl leben. Agha Khan engagiert sich weltweit mit zahlreichen sozialen Projekten. Im Wakhan ist die Agha Khan Foundation mit Bildungsprojekten, in der Entwicklung der Infrastruktur und bei landwirtschaftlichen Projekten. Amtssprache Tadschikistans ist das Farsi.

Tadschikische Thermalbäder

Neugierig, was man in Tadschikistan wohl unter einem Thermalbad versteht, scheuen wir keine Mühen ein entlegenes Seitental hinaufzufahren. Dort oben, 6 Kilometer weiter erwartet uns ein warmes Schwefelbad, ein tadschikischer Kurort, Garmchasma. Jeeps von reichen Tadschiken stehen vor dem Eingang des gutaussehenden Hotels, Tadschiken mit Hautkrankheiten verbringen hier einige Zeit, um ihre Haut in dem warmen Schwefelbad zu kurieren. Andere fallen uns mit Verbrennungen über den ganzen Körper auf – meist junge Männer, die in einer nahen Phosphormine arbeiten...ohne Sicherheitsvorkehrungen, wie wir erfahren. Die warmen Becken des Thermalbads verbergen sich im Innern eines meterhohen, weissen Schwefelblocks. Es gehen die Männer baden, später die Frauen. Hinter einem schäbigen Gebäude verbirgt sich ein einfaches Hotel. Die Frauen, die hier untergebracht sind, alles Kurpatientinnen, räumen uns den ganzen, grossen Raum mit seinen klapprigen Betten und einem Kochplatz...der Kocher hat nur 2 Drähte, die in die Steckdose gesteckt werden. Wir bevorzugen sicherheitshalber unseren Benzinkocher.

In den frühen Morgenstunden verlassen wir diesen sonderbar anmutenden Ort und folgen wieder unserem Begleiter, dem Panj. Am Strassenrand der langen einsamen Strasse taucht überraschend ein kleines Hotel auf. Von einem kessen, kleinen Mädchen werden wir eingeladen uns auf einem Tapchan unter einer weit ausladenden, schattenspendenden Weide niederzulassen. Willkommen für eine ausgedehnte Pause während der heissen Mittagssonne. Eine geniale Erfindung dieser Tapchan, den man am Strassenrand genauso findet, wie in den Thaikhanas (Teehaus). Wir nehmen Platz auf dieser erhobenen Plattform, ausgelegt mit farbigen Teppichen und weichen Kissen. Der Tapchan dient als Tisch genauso, wie als Liege, auf der wir uns entspannt langlegen, um im Schatten zu träumen und uns Geschichten aus tausend und einer Nacht erzählen. Während wir eine Schale Borsh (typisch russische Kohlsuppe) schlürfen, uns noch mit frischen Mantus (ähnlich unseren Maultaschen) stärken, werden wir von den Kindern unterhalten.

Verpflegung unterwegs – Nan-Brot und Maultaschen

Der Wakhan-Korridor und seine Geschichte

Nach drei Tagen erreichen wir Ishkashim, dem südlichsten Zipfel Tadschikistans. Hier endet dann auch die Asphaltstrasse und es beginnt das, was man den «Whakan» und «Wakhan Corridor» bezeichnet. Wie ein zufälliger Wurmfortsatz Tadschikistans scheint dieser Wakhan auf der geographischen Karte. Um diesen Landstrich, dieses «Wakhan» wirklich zu verstehen, unternehmen wir gelegentlich eine Reise in die Vergangenheit.

Der Wakhan als lebendiger Zweig der grossen Trans-Asien Ader, bekannt als die Seidenstrasse, hat viele Geschichten zu erzählen. Grosse Abenteurer, Entdecker, Jäger und Pilger haben den Wakhan-Korridor bereist, der bis heute Quelle der Inspiration für weitere Abenteurer ist. Hsuan Tsang, der chinesische Mönch, ist bereits im 7. Jahrhundert durch den Wakhan, um die Lehre des Buddhismus zu verbreiten. Der Handel brachte im 13. Jahrhundert den ersten europäischen Reisenden in diese Gegend: Marco Polo. Er war es auch, der erstmals das prächtig behornte Schaf erwähnte: heute das Marco Polo-Schaf genannt. Und sie alle waren fasziniert und beeindruckt von einer rauen, kargen Bergwelt mit weiten, nicht enden wollenden Hochebenen, dem Pamir: zu Urzeiten von gewaltigen Gletschern geformt.

Die holprige Piste windet sich entlang dem Panj. Nur noch vereinzelte Bäume, es wird immer karger, immer weiter, immer höher ... Keine Felder mit weidendem Vieh oder schattigen Hainen neben bebautem Ackerland. Aus allen Richtungen erstrecken sich ausladende von unendlich langen Furchen durchsetzte Berge hinab in das weite Flussbett des Panj.

Wakhan-Korridor

Als die Dämmerung über den Tag hereinbricht und die letzten Reste des goldenen Lichts sich von den höchsten Bergketten löste, wird uns von einem Pamiri inmitten dieser grausamen Naturschönheiten auf einer Oase von Grün ein Nachtquartier in die Hand gelegt. Zur Krönung werden wir noch mit einem wohl duftenden, kreisrunden Nan, frisch aus dem Tandooriofen, beschenkt.

Auch am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 4:30h. Mit dem ersten Licht, was langsam das weite Tal erhellt, beginnen wir mit den bereits eingespielten Handgriffen: Schlafsack einpacken, Matte einrollen, Taschen packen, Zelt abbauen ... warme Suppe, heisser Tee; um 6:00h sind wir startklar und fahren los.

Frauen wandern mit ihrer Ziegenherde, Felder werden bestellt, Frauen tragen eimerweise Wasser vom Fluss, die Männer schauen plaudernd ihrer Schafsherde beim Grasen zu. Bilder einer friedlicher Morgenstunde. Und immer wieder fahren wir an kleinen grünen Feldern und üppigen Gemüsegärten vorbei, Kartoffeln, Karotten, Zucchinis... Die Russen waren es, die die Kartoffel, die Karotten und Zwiebeln in die Pamirregion brachten. Vorher ernährten sich die Pamiris nur von Joghurt und Kefir, die Milch, den Chai und das Nan und Schafsfleisch.

Morgenroutine

Der Hindukush bäumt sich mit seinen mächtigen 5- und 6 Tausender neben uns auf. Ein Aufatmen in jedem kleinen Ort, in jeder grünen Oase, wo das Wasser dank Schweizer Förderprojekt, aus angelegten Brunnen sprudelt. Hin und wieder finden wir einen kleinen Laden: Dann decken wir uns mit trockenen Keksen und Bonbons ein. Eine Horde kleiner Pamirijungs auf Rädern, beladen mit Wasserkanistern, verfolgt uns neugierig. Claude kann hier mit Imbusschlüssel und Luftpumpe als Velomech tätig werden.
Mittags werden wir in Vrang von Bauarbeitern an die grosse Tafel geladen, um mit ihnen gemeinsam «Lagmhan» (Nudelsuppe mit Gemüse und Hammelfleisch) zu essen.

Hinauf zu den weiten Pamirebenen

Der Ort Langar, auf einer Höhe von 2700 Metern, ertrinkt in der unendlichen Weite des Flussdeltas. In diesem weit ausladenden Delta vereinen sich die Gebirgsflüsse des Pamir und des Wakhan zum Panj. Wir folgen von nun an dem Pamir hinauf in die unendlichen Ebenen des Great Pamirs. Unser Blick geht immer wieder hinüber auf die afghanische Flussseite. Einige in Lehm gebaute Siedlungen erheben sich auf kleinen Inseln, umgeben von grünen Feldern.

Ein heftiger Sturm in der Nacht bringt viele Wolken für den nächsten Morgen.
Steil aufwärts auf eine Höhe von 3500m. Für einige Tage verlassen wir jegliche Zivilisation und fühlen uns auf einmal klitzeklein und voller Demut in dieser gigantischen Bergwelt mit den Schluchten des tosenden Pamirs.

Hier und da finden wir die Relikte der "Baustelle" der Sowjets: verrostete Bagger und russische LKWs stehen wie Skulpturen in dieser kargen Landschaft und wenn sie könnten, würden sie von Menschen erzählen, die hier in den 30er Jahren hart gearbeitet haben, um diesen Übergang durch dieses schroffe, steile Gelände zu schaffen.

Unter uns wirbelt der Fluss dahin. Und auf der gegenüberliegenden Seite schmiegt sich der Weg geheimnisvoll wie eine Perlenkette in Sand gelegt. Geschickt windet er sich um die Felstürme und verschwindet dann wieder im Nichts. Auf der anderen Seite des Flusses präsentiert uns Afghanistan nun die gewaltigen Gipfel der Whakan Range.

Für die regnerische Nacht dient uns ein verlassener Kasernenbau als Nachtquartier. Ein weicher Teppich aus Schafs- und Yakdung als warme Unterlage für unsere Matten, eine heisse Buchweizensuppe, ein Tee und ein warmer Schlafsack ... mehr braucht es nicht um gut zu schlafen.

Radreise über die weiten Pamirebenen

Checkpoint Khargund Pass

Viele Kilometer kraftraubende sogenannte «Waschbrettpiste» in dünner Luft, bis wir am späten Vormittag den Checkpoint erreichen, wo sich nun entscheiden wird, auf welcher Route wir weiter radeln. Die Spannung steigt: Klappt es, dass wir den Weg über den Zorkul-Nationalpark fahren können? Wir hüllen uns in Geduld. Wir warten. Ein alter Telegraphenmast an seinem Fusse ein betonierter Autoreifen, zusammengeschmiedet mit Maschendrahtzaun, senkt sich...wir dürfen passieren. 1. Checkpoint ist geschafft.

Unsere Pässe und Permits wieder in den Händen, fahren wir auf das eigentliche Kasernengebäude zu. Zwei junge Soldaten kommen auf uns zu marschiert, ohne Eile, strenger Blick. Welches Register müssen wir jetzt ziehen? Sorgfältiges Inspizieren, sie lassen sich kein Detail entgehen und stellen uns neugierige Fragen. Mit einer gewissen Bewunderung werden unsere beladenen Bikes beäugt. Dank Claudes Russischkenntnissen entsteht eine entspannte Konversation. Für die jungen Kerle, die hier zum Dienst verdammt werden, sind wir eine willkommene Abwechslung im öden, kalten Tagesgeschehen. Nichtsdestotrotz gibt es eine Beanstandung. Sie wollen eine zweite Ausführung der Permits, ein fehlender Stempel – hier liegt die Willkür – wir wissen von nichts, versuchen zum Tourist Office nach Khorog zu telefonieren. Keine Verbindung, wie auch hier im Nirgendwo, "nein, unsere Station hat keinen Empfang, kein Geld" so die Soldaten ... hin und her, sie bleiben beharrlich, wir ruhig ... wir bekommen Pässe, er behält unsere Permits und winkt uns durch. Wir freuen uns wie die Pamirkönige, und die zwei jungen Männer über eine Tafel Schweizer Schokolade, die wir aus unseren Taschen ziehen! Jetzt schnell um die Ecke, bevor sie sich es anders überlegen. Grosser Jubel!

Durch den Zorkul-Nationalpark

Wir können nun doch eine grosse Schleife durch den Zorkul-Nationalpark vorbei am Zorkul (See) fahren. Das ist bisher nur wenigen Radfahrern gelungen. Jetzt kommen wir auf die eigentlichen, weiten Ebenen des grossen Pamirs. In weiten Mäandern schlängelt sich der Pamirfluss durch diese smaragdgrüne Ebene, rechts und links erhebt sich das Gebirge, aus dem pfeifende Vögel hervorschrecken. Da überkommt uns ein unglaubliches Glückgefühl. Wie kann man mehr eins sein mit der Natur?! So sind wir erschrocken, als neben uns ein Jeep, auf dem Dach ein paar festgebundene Schafe jämmerlich blökend, hält. Die Schäfer steigen aus. Ohne lange zu zögern, füllen sie aus einem grossen Behälter Kefir in unsere Thermoskanne. Wir sind sehr dankbar um diese frische «Eiweissbombe». Ein «Salam», eine freundliche Geste und dann sind sie auch schon wieder verschwunden.

Die Murmeltiere heissen uns willkommen und werden die zwei seltsamen Gestalten mit ihrem Pfeifen durch ihr unterirdisches Verlies der ganzen Murmeltiersippe im Pamir verkünden. Wachsam sitzen sie auf ihren Hügeln gross und klein und verschwinden blitzartig in ihrem Bau.

An das «Schmuddelwetter» haben wir uns schon fast gewöhnt. So durchqueren wir eine Vielzahl von Bachläufen: nasse Füsse, nasse Hosen ... Oberhalb des Zorkul sehen wir in der Ferne Rauch aufsteigen.

Einige Flussdurchquerungen auf unserem Weg

Gastfreundschaft der Pamiri

Ein junger Schäfer, ein klein gewachsener Pamiri, hievt kraftvoll mit uns die Räder über den Bachlauf und lädt uns zu seiner Familie in ihre aus Lehm bescheiden gebaute Herberge ein. Durchgefroren und nass nehmen wir die Einladung gerne an. Der Raum ist dunkel, erst nach und nach entdecken wir, wo wir hier überhaupt sind. Dabei hilft das spärliche Licht, was durch eine kleine Luke in der Decke einfällt. Minuten später ist der Raum erfüllt vom Rauch eines Dungfeuers. Auf einer Art Tapchan dürfen wir Platz nehmen. Aus der dunklen Ecke des Raumes tönt die zarte Stimme eines Säuglings, der in einer aus Korb geflochtenen Wiege geschaukelt wird. Zwei Jungs sind bereits damit beschäftigt, einem Schafskopf das letzte Fleisch abzukratzen und der Herr des Hauses setzt sich zufrieden lächelnd zu uns. Er ist sichtlich stolz auf seine Gäste.

Eine Schale Joghurt, eine Schale Chai und ein Fladenbrot ... wir sind richtig hungrig! Die Oma setzt sich zu uns und legt den Säugling in ihre wärmenden Arme. Das Fleisch wird mit einer Zwiebel in einer grossen halbrunden Pfanne über dem Feuer angebraten ... Zubereitung der Mittagsmahlzeit für die Familie? Nein, sie kochen extra für uns und servieren uns die eine grosse Portion Fleisch, die uns schlussendlich noch als Verpflegungspaket eingepackt wird. Gerührt von soviel Herzlichkeit, können wir ihnen nicht mehr geben, als ein Paar Batterien für ihre einzige Taschenlampe. Hier auf einer Höhe von 4100 m ist das Leben auf das Nötigste reduziert, technische Hilfsmittel gibt es nicht, ihre Hände sind gezeichnet von der harten Arbeit. Mit Kind und Kegel verbringen einige wenige Schäferfamilien hier oben den Sommer. Dieser einzige Raum hüllt sie in Wärme und gibt ihnen Geborgenheit, hier wird gegessen und geschlafen, hier findet jede Intimität statt.

Das Leben auf 4100 Metern

Das Reich der Marco Polo Sheep

Wie Stecknadelköpfe im Heuhaufen stehen vereinzelt Jurten in dieser zauberhaften Pamirebene, grosse Ziegen-, Schaf- und Eselherden, spielende Kinder und ein sprintendes Yak... Eine kirgisische Nomadenfamilie hat für die Sommermonate Quartier und Weideplätze gefunden. Obwohl wir noch auf Tadschikischem Boden radeln, treffen wir fortan nur mehr auf Kirgisen.

Rund um uns herum die hohen Gipfel des Pamir-Gebirges mit einem 4300 m hohen Pass, der noch zu überwinden ist. Lava schwarze Berghänge, Geröllfelder mit farbenprächtigen Blumenteppichen: für einen weiteren anstrengenden Aufstieg gibt es genügend Ablenkung. Hier verlassen wir den Whakan und den Pamir. Es folgt eine lange rasante Abfahrt.

Ein weiterer Pass, schieben, und eine beglückende Überraschung wartet auf uns: eine lange Abfahrt in das endlose Land der Elfen! Nebelschwaden ziehen über die mit grünem Pflaum bedeckten Grashänge der sanften Hügel. Wie auf einer Achterbahn schwingen wir uns durch dieses mystische Märchenland. Der Horizont verschwindet im Nichts und lässt uns im Ungewissen, droht uns zu verschlucken. Rundherum schimmern die Berge in allen Facetten irdischer Rottöne. Und plötzlich endet diese Moränenlandschaft mit einem steilen Abbruch abfallend in das Tal des Aksu, der im Little Pamir entspringt. Wie die Spitzen der Schweizer Toblerone reihen sich die Berggipfel entlang der Grenze Afghanistans, Chinas und auch Pakistans, die zum Greifen nahe scheinen. Stacheldrahtzaun und Telegrafenmasten stehen wieder Spalier.

Durch eine trockene Wüste, den Wind um die Ohren pfeifend, holpern wir mühsam stundenlang über eine Waschbrettpiste. Zwei junge Kirgisinnen schrubben einen grossen bunten Teppich im fliessenden Flusswasser. Stolz gelingt es ihnen uns auf Englisch ein paar Fragen zu beantworten. Zwei LKW-Fahrer halten neben uns an und bieten uns Hilfe an, und dann wird gekurbelt bis der Motor wieder knatternd anspringt...die Fahrertüre eines über die Piste rasenden Minibus fliegt auf, ein unverständlicher Zuruf....

In einer Tchechana mitten in dieser Wüste erzählen uns die Truckfahrer von ihren abenteuerlichen Fahrten auf den Strassen und Pässen zwischen Tadschikistan, Kirgistan und China. Sie bringen Modernität und chinesischen «Luxus» nach Tadschikistan. Heute wird der Pamir Highway auch als "Plastikhighway" bezeichnet.

Auf dem Pamir-Highway

Murghab - die «Pamirsky-Post»

1883 wurde die nach Osten am weitesten gelegene russische Militärstation, die "Pamirsky Post" errichtet. Damals dachte noch niemand daran, dass dies der Beginn eines 7000 Seelen Dorfes sein könnte: Wir kommen nach Murghab, ein Transitort für Reisende und Truckfahrer: Hier stossen wir nun auf den legendären Pamir Highway, der 1929-1934 von den Russen als "schnelle Verbindung" von Dushanbe nach Osh errichtet wurde. Trügerisch jedoch der Begriff Highway, sind doch zahlreiche 4000-er Pässe mit Schweizer Käselöchern gespickt, zu überwinden

Eingebettet in sanfte Moränenhügel wirkt dieses Murghab, wie eine bemannte Raumstation nach ihrer Landung auf dem Mond. Am Ende der Tundra lebend, hat die UDSSR mit subventionierter Kohle und Sprit hier an diesem Ort ihre Totenglocken geläutet. Auf einer Höhe von 3600 m mit langen harten Wintern bei bis zu minus 45 Grad, gefrorenen Flüssen, ist das Leben äusserst hart und unmenschlich.

Am Abend sitzen wir mit 3 weiteren Globetrottern an der grossen Tapchan-Tafel in einem Homestay. Gemeinsam essen wir Pluv (Reis mit Gemüse), in einer grossen Schale liebevoll zubereitet von Mutter und Tochter des Homestays. Die Dusche wird uns mit 1 USD extra berechnet, sicher etwas ungewöhnlich für einen badverwöhnten Europäer. Wir staunen, wie der Kofferraum geöffnet wird und die Wasserkanister ausgeladen werden. Täglich fahren sie an den Fluss hinunter und füllen sie auf, schleppen sie in die Waschhütte, wo das Wasser in einem Kessel mit Feuer aus Yakdung erhitzt wird. Welch ein «Duschfest», dieses warme Wasser dann aus einem Eimer über uns schütten zu dürfen. So wird auch das Wäschewaschen mit warmem Wasser zu einem Fest!

Begegnungen ohne Worte

Weiter auf dem Pamir Highway über den Ak-Baital-Pass

Nach diesen 2 Tagen Ruhepause geht unsere Reise mit neuer Energie am frühen Sonntagmorgen auf dem Pamir Highway weiter. Die Vorstellung von «Highway» ist nicht unbedingt das, was wir vorfinden: die asphaltierte Strasse ist gespickt ist mit Schweizer Käselöchern. Den Wind im Rücken, den Regen von oben, können wir mit rollenden Rädern recht flott dahinfahren. Wir steigern gewaltig den Stundenschnitt: ca. 15Km/Std. Kaum haben wir Murghab verlassen, sind wir wieder der völligen Einsamkeit der Hochebene überlassen, und wieder folgen wir unseren Markierungspfosten: Telegrafenmasten und Stacheldrahtzaun.

In strömendem Regen überqueren wir den für uns höchsten Pass, den Ak-Baital-Pass mit 4655 m. Die Luft ist dünn in dieser Höhe, so schieben wir langsam schnaufend, mit wackeligen Beinen unsere Drahtesel die schlammige, steile Passtrasse hinauf. Oben angekommen werden wir wieder ganz demütig beim Anblick der wechselnden Kulisse: Geröllinseln erstrecken sich wie lange Zungen mit leuchtend grünen Grasnarben, rote Erden und aus allen Ritzen sprudelnde Wasserläufe. Unsere Abfahrt ist alles andere als paradiesisch: Es ist nass und kalt, der klebrige Lehm verstopft alle Poren unserer Laufräder, Bremsen und Taschen. Wie froh sind wir, an diesem Abend doch noch relativ trocken in unseren Schlafsäcken zu liegen.

Im strömenden Regen über die höchsten Pässe

Das blaue Meer im Pamir

Nach einer herzlichen Einladung in einer Jurte fahren wir alle zusammen weiter zum Karakul-See. Mit rund 380km² ist der Karakul Lake der grösste See der Pamirregion. Ein grosses, blaues Meer umgeben von hohen, schneebedeckten Bergen liegt vor uns. Heute schlagen wir unser Nachtlager direkt neben dem Karakul Lake auf. Der Wolken bedeckte Himmel verwandelt sich in der kurzen Dämmerung in eine leuchtende Himmelsdecke, die die schneebedeckte Kulisse in ihrem vollen Glanz erstrahlen lässt.

Anlässlich Claudes Geburtstag teilen wir zu 6 einen Piccolo, der, versteckt in einer Satteltasche, nun schon eine lange Geschichte von Tadschikistan erzählen kann. Eine kleine Showeinlage an diesem Abend von unserem iranischen Freund: nicht nur sein Rad und sein Regenanzug sind in rot-schwarz designed; er packt nun auch aus seinen rot-schwarzen Satteltaschen ein rotes Zelt, eine rote Zahnbürste, rotes Gasfeuerzeug etc., seinen Kocher bringt er schwer in Gang, aber die Doku, die er mit seinem Tablet inszeniert ist Film reif! Nach einer regenreichen, kalten Nacht starten wir eingehüllt in unsere Regen- und Winterhäute Richtung Kyzyl-Art-Pass. Kräftiger Gegenwind und Regen peitschen uns ins Gesicht.

Nachtlager in der Dämmerung

Über die Grenze nach Kirgistan

Vereinzelt kommen uns Radler entgegen, ein junger Schotte mit Rennrad und superleichtem Gepäck. Ich staune und frage mich, wie er wohl die Kälte aushalten mag. Ein nicht enden wollender Doppelpass ist bezwungen. In einem spartanisch eingerichteten, dunklen, Kurbeltelefon, aber warmen Raum, Tisch Stühle, zwei Pritschen, gerade so, als wäre gestern noch das russische Militär vor Ort gewesen, heute ist es tadschikischer Grenzposten. Unsere Pässe werden minutiös begutachtet, nebenbei wird geplaudert und gelacht und zu guter Letzt teilen wir alle zusammen eine grosse Wassermelone.

Wir finden bei einer kirgisischen Schäferfamilie Unterschlupf. Im der heimeligen Stube lodert ein Feuer. In der Ecke sitzen die Kinder und die Oma vor dem Bildschirm eines kleinen Laptops. Auch hier, wo die Zeit stehen geblieben scheint, wird mit westlichen Filmen der Wohlstand wenigstens virtuell in die gute Stube geholt. Nicht vergessen werde ich das Bild von Frieden und Glückseligkeit, als wir am nächsten Morgen recht früh aus dem Haus schleichen, und im Nebenraum die Oma mit den drei kleinen Kindern, wie Ölsardinen nebeneinander, auf dem Boden schläft. Sie hatten uns für diese Nacht ihren Schlafplatz nebenan in der warmen Stube geräumt!

Wir kommen sehr bald an die kirgisische Grenze. Hier werden wir bereits fortschrittlich, per Computer gecheckt. Mit einer langen Abfahrt verlassen wir das Hochgebirge. Gletscher haben vor Urzeiten weite Moränenhänge und -ebenen geschoben, die heute den kirgisischen Nomadenfamilien viel Platz zum Leben und Weiden ihrer Schaf-, Ziegen- und Yakherden bieten. Und nicht zu vergessen: den Pferdeherden. Pferdezucht und Jurte nehmen einen zentralen Platz in der kirgisischen Kultur ein.

Schlafplatz bei einer kirgisischen Familie

Letzte Passhöhe nach Osh

Auf dem Chyrkchyk-Pass (2408 m), werden wir von einer Gruppe lachender, junger und alter Kirgisenfrauen begrüsst. In allen Posen erfreuen sie sich an «Gruppenbild mit Rad». Welch eine Freude für uns: von nun an geht es bis Osh 50 km - 2000 Hm bergab. Es wird zunehmend grüner und die ersten Bäume nach drei Wochen karger Steppe erfreuen unser Herz. Grosse Pferde- oder Schafherden ziehen teilweise kilometerweit mit uns den Highway entlang. Am späten Nachmittag rollen wir auf Osh zu. Als zweitgrösste Stadt im Süden von Kirgistan liegt Osh am Rande des Ferghanatales. Kirmestreiben im Park, Autoscooter, Eisstände, flanierende Bräute, Werbung für Brautkleider in den Schaufenstern jeder 2. Boutique, der Heiratsmarkt floriert!, Limousinen, die nach dreckigen Drogendeals stinken...welch ein Kontrast zu der Einsamkeit, der Stille und den Naturschauspielen, die wir in den vergangenen Wochen erleben durften! Mit diesen Bildern der Gegensätze steige ich ein paar Tage später in den Flieger, der mich in wenigen Stunden wieder zurück nach Heidiland beamt.

Claude reist noch weitere 6 Wochen durch Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan. So bleibe ich auch die nächsten Wochen dieser faszinierenden Bergwelt sehr verbunden.

Reiseinfos: Bike-Expedition auf dem legendären Pamir Highway
Reisebericht-Autorin: Reiseleiterin Martina Friemel

Reiseleiterin Martina Friemel