Ursprünglichkeit und Wildnis

Reisebericht von Reisejournalistin Caroline Doka

 

Nordmazedonien wirbt mit der Ursprünglichkeit und Wildnis, die man dort beim Mountainbiken erleben kann. Das kann auch auch bedeuten, dass man ab und zu ein paar Brombeerranken aus dem Weg räumen muss.

In Nordmazedonien gehören überwucherte Wege und kläffende Hirtenhunde zum Konzept des Mountainbike-Tourismus. Dadurch soll sich das Angebot abheben und Gäste ins Land bringen.

Slobodan Trajkovski - Bikeguide aus Leidenschaft

Bike-Guide aus Leidenschaft

Wann immer Slobodan Trajkovski über Nordmazedonien erzählt, gestikuliert er ausladend mit der einen Hand und legt die andere auf seine Brust – dorthin, wo sich das Herz befindet. Auf seine Heimat lässt der Mountainbike-Guide nichts kommen. Wenn es um altmazedonische Könige, Römer und Osmanen geht, ist der 39-Jährige, der hauptberuflich als Geschichtslehrer arbeitet, kaum zu bremsen. Genauso wenig wie beim Thema Biken: «Mazedonien ist ein ganz anderes Bike-Land, als ihr es gewohnt seid», kündet er schon bei der Begrüssung am Flughafen von Skopje an. Und betont gleichzeitig, dass er sich dem neuen Namen «Nordmazedonien» verweigere.

Der Bike-Sport boomt im kleinen Balkanstaat. Am Vodno, dem Hausberg Skopjes, tummeln sich nach Feierabend zahllose Bikerinnen und Biker auf einem dichten Netz von Trails. Am Wochenende verabredet sich die Community über Social Media für Touren in Nationalparks oder nimmt an Bike-Events wie «Mariovo off-road experience» teil, das Slobodan Trajkovski organisiert.

Singletrails und tolle Landschaften in Nordmazedonien

Ein grosses Potenzial

«Nordmazedonien mit seinen attraktiven Landschaften, seinen Nationalparks, Kulturgütern, der wunderbaren Küche und der legendären Gastfreundschaft hat ein grosses Potenzial als Bike-Destination», sagt Gabriella Crescini von Swisscontact. Die Schweizer Stiftung für Entwicklungsarbeit setzt sich weltweit dafür ein, in wirtschaftsschwachen Staaten den Tourismus zu entwickeln, Gäste ins Land zu bringen und nachhaltige Jobs für Einheimische zu schaffen. Im Westen Mazedoniens unterstützte ein vierjähriges, von der Deza finanziertes Projekt, das vor kurzem endete, die touristischen Regionen Mavrovo, Krusevo und Ohrid. «Da das Land über tolle Bike-Trails verfügt, setzten wir auf Outdoor-Tourismus mit einem Fokus auf Mountainbike», erklärt Crescini weiter. Vor Ort war ein lokaler Anbieter tätig, in Kooperation mit ausländischen Reiseveranstaltern. Durch Trainings, etwa in den Bereichen Sicherheit und Gästekommunikation, wurde der Qualitätsstandard der lokalen Guides erhöht.

Die Touren verlaufen auf alten Hirten- und Wirtschaftswegen, die nur selten als Bike-Routen ausgeschildert sind und sich selbst überlassen werden. «Das gehört zu unserem Konzept», sagt Slobodan Trajkovski. «Es gibt genügend Destinationen mit gewarteten oder künstlich angelegten Trails. Hier findet man noch Ursprünglichkeit und Wildnis.» So kommt es vor, dass die Biker auf einem überwucherten Weg zuerst Brombeerranken wegräumen müssen oder den Pfad im Steppengras suchen müssen. Gelegentlich trifft die Gruppe in der Einsamkeit auf Schafherden. Laut kläffend preschen Hirtenhunde heran. Der Guide heisst die Biker stillzustehen, bis der Hirte die Hunde zurückpfeift. Dann können sie ihre Zweiräder durch die Herde schieben wie durch ein wogendes Meer aus Wolle.

Seeblick beim Biken

Unberührte Nationalparks

Die Tour führt in acht Etappen durch Nationalparks mit Adlern, Hirschen und Bären, über weite Hochebenen und in archaische Gebirgsregionen, aber auch zum schönen Ohridsee und zur kulturreichen Altstadt von Ohrid, die zum Unesco-Welterbe zählen. In Galicnik, einem Bergdorf im Mavrovo-Nationalpark nahe der albanischen Grenze, leben nur zwei Bewohner übers ganze Jahr: Borka und Pavel Lukanovski sind über siebzig. Im Winter ist ihr Ort wegen des Schnees von der Aussenwelt abgeschnitten. Jedes Jahr Mitte Juli strömen Menschen aus aller Welt ins Bergdorf, um das traditionelle mazedonische Hochzeitsfest mitzufeiern. Borka und Pavels Enkel Filip und Marko Lukanoski haben den Trend erkannt und setzen auf Outdoor-Tourismus. Zusammen mit ihren Grosseltern führen die jungen Männer einen Familienbetrieb. Borka betreut das Restaurant «Baba & Dede» mit Gästezimmern, Filip und Marko führen Wander- und Mountainbike-Touren im Nationalpark durch.

«Biken?» Baba Borka lacht über ihr rundes Gesicht. Sie sass nie auf einem Velo und findet Fahrräder unnötig. «Aber für unser Business sind sie Gold wert», übersetzt Filip ihre Erklärung. Dank einem Startkapital von 7000 Euro aus einem staatlichen Fonds konnten die Cousins 10 Mountainbikes anschaffen. «Sie stehen im Ziegenstall, bis wir einen Bike-Schuppen vermögen», sagt Filip. Sommer für Sommer kommen mehr ausländische Bike-Touristen. Nicht zuletzt dank Guides wie Slobodan Trajkovski, die ihre Gruppen nach Galičnik bringen und bei «Baba & Dede» Tabtsche Grawtsche geniessen, duftenden Eintopf mit Wurst und Bohnen.

Mountainbike-Reise in Nordmazedonien

Wie die alten Römer

Die Vergangenheit ist auf der Reise durch Nordmazedonien immer wieder präsent. Biker dürfen sogar historische Wege benutzen. So trifft die Route mehrmals auf alte römische Handels- und Heereswege wie die Via Egnatia. Bevor er in den historischen Weg einmündet, bleibt Slobodan Trajkovski stehen. «Die Via Egnatia führte als wichtige Verbindungsstrasse von der Adria zum Bosporus», sagt er. «Für viele Gäste ist es der aufregendste Downhill der Reise.» Als die Biker, flankiert von moosbewachsenen römischen Mauern, auf dem originalen Kopfsteinpflaster der einstigen Via Egnatia zu Tale sausen, quasi mitten durch die Geschichte, da ist so mancher Jauchzer zu hören. Doch nicht nur das Trail-Vergnügen, auch das Durstlöschen hängt in Nordmazedonien mit den Römern zusammen. In jedem Dorf können sich erschöpfte Biker an einem alten Steinbrunnen mit kühlem Wasser erfrischen. Manchmal hängt an einer Kette eine Aluminiumschale, aus der man trinken kann. «Der Brauch, Reisende mit Wasser zu versorgen, stammt von den Römern», sagt der Bike-Guide, «wir haben ihn übernommen.»

Nordmazedonische Kulinarik

Nordmazedonische Kulinarik

Ob auch die Liebe der Einheimischen zum opulenten Essen von den Römern herrührt? Abends verwöhnen die Gastwirte die hungrigen Sportler mit traditionellen Spezialitäten. Gebratenes Gemüse, Fleischspiesse, Joghurtsauce, Salate und Ofenkartoffeln mit Olivenöl und Thymian. «Matchina Duschica» wird die Köstlichkeit genannt, «Mutters Seele». «Unsere Gastfreundschaft ist legendär», sagt Slobodan Trajkovski. «Historisch waren wir schon immer ein gastfreundliches Land.» Noch einmal läuft der Historiker in ihm zur Hochform auf, noch einmal legt er stolz die Hand auf sein Herz: «Der Grund ist einfach. Mazedonien war seit eh und je ein Durchgangsland zwischen Ost und West. Hier zogen in allen Epochen Menschen vorbei: Händler, Heere, Reisende. Wir haben sie stets empfangen, beherbergt und bewirtet. Reisende waren bei uns immer von Herzen willkommen. Und das sind sie noch heute.»

Im Frühling 2019 endete das Swisscontact-Projekt. Die Zahlen sprechen für sich: «Die beteiligten Organisationen verzeichneten im Outdoor-Tourismus ein um 25 Prozent höheres Wachstum als der restliche Markt», sagt Gabriella Crescini. «Im Tourismus sind 258 neue Jobs entstanden, in damit verbundenen Sektoren 725. Und die nationalen Tourismusorganisationen setzen heute mehr auf Abenteuer- als auf Massentourismus.» Von dieser Entwicklung profitiert auch Slobodan Trajkovski: «Die Anzahl Einsatztage als Guide», sagt er, «hat sich von 20 auf 50 pro Jahr mehr als verdoppelt.»

Dieser Bericht wurde im Mai 2019 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht.

 

Reisebericht-Autorin: Reisejournalistin und Reiseleiterin Caroline Doka.
Bilder: Andi Schnelli und René Thommen

Reiseinfos: Mountainbike-Entdeckungsreise durch Nordmazedonien