Revolte auf zwei Rädern

Reisebericht von Reisejournalistin Caroline Doka

 

Biken gilt im Iran als hip. Für Iranerinnen ist Radfahren aber verboten. Sie tun es trotzdem – und Radreisende mit ihnen.

Bike-Reisende wie wir sind im Iran Exoten

Das Bike-Abenteuer Iran beginnt schon zu Hause: Die besorgte Familie beruhigen und – packen! Wie kleiden sich Frauen beim Radfahren in einem Land mit Verhüllungspflicht? An einem Outfit aus Langarmshirt, weiter Trekkinghose, einem Rock zum Verbergen der Körperkonturen und einem Buff, unter dem die Haare verschwinden, wird die Sittenpolizei hoffentlich nichts zu beanstanden haben.

Die zweiwöchige Reise startet in Shiraz, der Stadt der Dichter. Die iranische Bikerin Roshanak, die der Schweizer Gruppe die Trails um die Stadt zeigen will, kichert, als wir Frauen mehrschichtig vermummt aus dem Hotel treten. Unsere männlichen Mitreisenden in ihren Bikeshorts blicken mitleidig. Roshanak trägt ein ultra-kurzes Röcklein über Leggings, aus dem Buff schauen neckisch ihre Haare hervor. Erleichtert entledigen wir Schweizerinnen uns des Michelin-Männchen-Looks.

Bike-Reisende wie wir sind im Iran Exoten. Doch bei Einheimischen ist Biken hip. Es gibt eine passionierte Szene, zu der auch Frauen gehören.In Teheran treffen sich am Wochenende bis zu 80 Bikerinnen. Roshanaks Schwester Faranak, erfolgreichste Bikerin des Iran, fährt sogar Weltcuprennen – mit Kopftuch unterm Helm –, aber noch ohne Sponsoren.

Iranische Bikerin Roshanak posiert mit der Autorin Caroline Doka

Autofahrer rufen: «Welcome! Thank you for coming to Iran!»

Unsere Reise zu jahrhundertealten Kulturschätzen, zum Unesco-Weltkulturerbe Persepolis, durch Gebirge und Wüsten wird begleitet von einheimischen Guides und Fahrzeugen. Nördlich von Shiraz tauchen wir ins wilde Zagros-Gebirge ein. Hier sind Wölfe, Bären und Leoparden zu Hause. Wir biken durch himmelnahe Täler, in denen Nomaden den Sommer verbringen. Verschleierte Frauen waschen im Bergbach Wäsche, Männer mit wettergegerbten Gesichtern und Pluderhosen hüten Schafe. Wenn wir vorbeiradeln, grüssen sie fröhlich und schauen uns verwundert nach.

Menschen winken, wollen Fotos mit uns machen, sprechen uns, begierig nach Austausch, auf Farsi an. Autofahrer hupen ausgelassen und rufen: «Welcome! Thank you for coming to Iran!»

Entlang eines smaragdgrünen, von Pappeln gesäumten Flusses biken wir in ein Bergdorf hinauf. Es ist das Winterquartier der Qashqai-Nomaden. Wir logieren bei einer Familie, bei der Touristen auf traditionellen Teppichen essen und schlafen. Es gibt einen Walnusseintopf mit Granatapfelpaste und Kebab. Wir legen die Kopftücher ab. Im Privatbereich sind auch viele Iranerinnen unverschleiert.

Herzliche Begegnungen mit Einheimischen

Kulturperle Isfahan

Auf die Berge folgt die Kulturperle Isfahan mit ihren prächtigen Moscheen und Palästen. Auf dem riesigen Platz des Imams pulsiert das Leben. Im grossen, flachen Wasserbecken planschen trotz per Lautsprecher verkündetem Verbot Kinder. Auf Rasenflächen picknicken Familien und spielen – obwohl im Iran untersagt – Karten. Eine Stadt wie gemacht zum Velofahren. Trotzdem verzichten wir auf Empfehlung unseres iranischen Guides auf Sightseeing mit dem Zweirad. Velofahren sei Iranerinnen zwar nicht per Gesetz verboten, erfahren wir, es werde aber offiziell nicht geduldet und mal mehr, mal weniger strikt geahndet. Trotzdem sieht man vereinzelt Frauen genussvoll über Plätze radeln. Natürlich verschleiert.

Just als wir Isfahan besuchen, wird den Frauen das Radfahren untersagt. Worauf am folgenden Tag prompt ein grosser Pulk Velofahrerinnen durch die Stadt rollt, Strafen und Verhaftungen bewusst riskierend. Frauen fordern trotz Repressionen ihre Rechte. Sie schminken sich, lassen das Kopftuch immer weiter nach hinten rutschen – und fahren Rad.

Kulturmetropole Isfahan

Manche möchten solche Frauen in die Wüste schicken. Wir gehen freiwillig.

Immer tiefer radeln wir in die Kawir-Wüste hinein. Längst biken wir offroad, jeder dort, wo der Boden am besten trägt. Wie eine Fata Morgana muten die Kamele an, die herrenlos mitten in der Wüste sitzen wie gestrandete Wüstenschiffe in einem Meer aus Sand. Wir strampeln weiter über endlose Ebenen, bis hinter Dünen im Abendlicht der Namak-Salzsee glitzert.

Durstig und müde nähern wir uns der Karawanserei, einer ummauerten Herberge an der einstigen Karawanenroute. Durch das grosse Tor rollen wir in das safawidische Juwel und stellen unsere Velos an die Mittelkonsole, wo man einst die Kamele entlud. Wir logieren in zauberhaften Zimmerchen mit Blick zum Innenhof und fühlen uns unter dem Sternenhimmel wie in 1001 Nacht.

Am Morgen regnet es wie aus Kübeln – in der Wüste! In Regen jacken gehüllt, radeln wir auf matschigen Pisten voller Wasserlachen zurück in die Zivilisation. Wenig später besuchen wir – ohne Bikes – die heilige Stadt Ghom, einen bedeutenden Pilgerort orthodoxer Schiiten. Wir Touristinnen müssen uns mit einem Tschador von Kopf bis Fuss verhüllen. Ein Mullah führt unsere Gruppe durch die prunkvolle Stätte und bittet hernach zu Gebäck und Gespräch.

Nach aufwärmendem Geplauder wollen wir wissen, warum Iranerinnen nicht Rad fahren dürfen. Tatsächlich, weil die Pose auf dem Velo die Männer reize? Der eloquente Mullah lächelt: Der Koran verbiete Frauen nicht das Radfahren, sondern die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – was einzelne Radlerinnen täten. Anders wäre es, wenn alle Frauen Rad fahren würden. Wir Schweizerinnen schauen uns an. Sind wir tatsächlich Wegbereiterinnen, damit man sich an den Anblick bikender Frauen gewöhnt?

Biken in der Kawir-Wüste

Erst durch Eiswasser waten, dann durchs Blütenmeer radeln

Die letzte Etappe führt uns zum gut 5600 Meter hohen Mount Damavand, dem höchsten Berg im Nahen Osten. Er liegt im Lar-Nationalpark im Alborz-Gebirge, zwischen Teheran und dem Kaspischen Meer. Wir strampeln auf einen hohen Pass hinauf. Dann stapfen wir, die Bikes auf einer Schneedecke schiebend, unter der ungestüm ein wilder Bergbach gurgelt, talwärts. In einem grünen Hochtal, durch das weit verästelt ein Fluss mäandert, waten wir knietief, die Bikes auf den Schultern, durch das eiskalte Wasser und fahren dann durch Wiesen voller wilder Narzissen.

Die Schönheit des Lar-Tals, wo in den 1930er Jahren die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach Ruhe suchte, berührt uns. Wie aus dem Nichts ragt nach einer Flussbiegung majestätisch ein schneebedeckter Bergkegel zum Himmel: Mount Damavand. Speziell für Iranerinnen ist er ein sagenumwobenes Symbol für Mut und Freiheit.

5-Fantastisches Panorama auf den Mount Damawand

 

Dieser Bericht wurde im September 2019 in der Sonntagszeitung veröffentlicht.

Reisebericht-Autorin: Reisejournalistin und Reiseleiterin Caroline Doka
Bilder: Adi Glättli

Reiseinfos: Bike-Kulturreise durch den Iran