15.02.2022

Reiseleiterin Andrea Freiermuth und ihre Liebe zum Zweirad

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Reiseleiterin Andrea Freiermuth im Interview auf dem Bike Adventure Tours Reiseblog. Andrea leitet Touren auf Madeira und im Engadin. Sie erzählt von ihren ausgedehnten Radreisen mit dem E-Bike.

Interview mit Reiseleiterin Andrea Freiermuth

Unsere Reiseleiterin Andrea Freiermuth ist mit einem Flyer nach China gefahren und hat das Velo schliesslich zum Beruf gemacht. Die ehemalige Journalistin arbeitet seit 2020 bei Pro Velo Kanton Zürich und ist seit kurzem auch als Bike-Guide für Bike Adventure Tours unterwegs.  Sie leitet unter anderem unsere Bikereise auf Madeira und im Engadin.  Hier erfährst du, warum sie ihr Leben fürs Velo umgekrempelt hat. 

Du bist 2018 mit einem E-Bike nach China gefahren. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich wollte beweisen, dass die heutigen E-Bikes fit für eine solches Abenteuer sind. Das Pedelec ist eine geniale Erfindung. Das E-Bike ist ein Heilmittel gegen fast alle Krankheiten der modernen Welt: Es hilft gegen Stau, Lärm, Luftverschmutzung, Klimaerwärmung, Bewegungsmangel und damit auch gegen Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen. Darum haben E-Bikes haben mehr Aufmerksamkeit verdient und dafür wollte ich sorgen. Die Wirkung meiner Reise war gewaltig: Kaum war ich zurück, hat der E-Bike-Boom so richtig begonnen. (lacht) Okay, das war nicht wirklich mein Verdienst, sondern ist der Pandemie zu verdanken.

Andrea Freiermuth auf dem Pamir-Highway

Aber du hast sicher nicht überall eine Steckdose gefunden?

Eben doch. Ich musste nie ohne elektrische Unterstützung in die Pedale treten. Und nur einmal musste ich mich an einen Dieselgenerator andocken. Ansonsten gab es immer ein reguläres Stromnetz – wobei es ein paar Mal ein kleines lokales war, das mit örtlicher Wasserkraft betrieben wurde.  

Wie stark war dein Akku?

Ich hatte zwei Akkus mit je 650 Wattstunden dabei. Bei mittlerer Unterstützung in kupiertem Gelände benötigte ich bloss einen pro Tag. Also, wenn ich dabei mit anderen Tourenfahrern unterwegs war, die plus minus 80 Kilometer pro Tag zurücklegten. War ich allein, überwand ich oft grössere Etappen mit mehr Speed – und musste dann beide anzapfen.

Gab es technische Pannen an deinem Hightechpony?

Ich bin eigentlich eine Technikbanause und habe mich etwas vor der Elektronik gefürchtet.  Aber ich musste bloss ein paar Platten flicken, die Bremsbacken wiederholt wechseln und einmal liess ich eine Acht richten. Der Motor von Panasonic hingegen machte mir auf den ganzen 16'000 Kilometern nicht ein einziges Mal Probleme. Und selbst mit Kette, Kassette und Schaltwerk musste ich mich nie abmühen, da mein Flyer Upstreet 5 mit einer Rohloffnabe und einem Riemenantrieb ausgestattet war.

Radreise durch Georgien mit dem E-Bike

Vor deiner E-Bike-Reise warst du mit dem Tourenvelo auf Kuba, Neuseeland, in Thailand und vielen anderen Ländern. Warum reist du so gerne auf zwei Rädern?

Das Velo ist ein Sympathieträger und Türöffner. Klar: Auch auf dem Velo ist man eine Touristin oder ein Tourist. Aber man ist nicht so unnahbar wie jene Reisenden, die im klimatisierten Mietauto durch die Gegend brausen. Man ist zwar aus einem anderen Land, aber lebt doch nicht auf einem anderen Planeten. Zuweilen schwitzt und leidet, zittert und friert, hungert und durstet man. Fast genauso wie der Hirte, der am Strassenrand seine Ziegen bewacht oder die Bäuerin, die im Reisfeld arbeitet. Okay, bei Bike Adventure Tours versuchen wir unseren Gästen allzu heftige Strapazen natürlich zu ersparen, aber auch bei organisierten Reisen verlässt man die Komfortzone dann und wann – und das ist auch gut so. 

Warum meinst du?

Das vereinfacht den Perspektivenwechsel. Und wer seine Komfortzone hin und wieder verlässt, bleibt offen für Neues – und in Verbindung mit sich selbst und anderen.

Andrea zu Gast bei einer iranischen Familie

Nach deiner E-Bike-Reise hast du umgesattelt: Aus der Journalistin wurde eine Velolobbyistin. Warum der Seitenwechsel?

Wer als Journalistin in die Kommunikation geht, muss sich oft von seinen Werten verabschieden. Ich konnte meinen treu bleiben. Denn als Kommunikationsleiterin von Pro Velo Kanton Zürich kann ich voll und ganz hinter meiner Organisation stehen. Wir setzen uns für die Interessen der Velofahrenden in Stadt und Kanton ein – derzeit kann ich mir nichts vorstellen, was besser zu mir passen würde.  

Jetzt haben wir viel über E-Bikes und Velos gesprochen. Wie steht es mit dem Biken?

Stimmt. Ich habe mit dem Tourenvelo begonnen, bin dadurch zum Rennrad gekommen und zu meiner letzten grossen Reise bin ich mit einem City-E-Bike aufgebrochen. Letzteres war aber ein durchaus taugliches Expeditionsfahrzeug. 

Du hast die Frage noch nicht beantwortet.

Mountainbiken? Hehe, kann ich im Fall auch. Ich bike seit 15 Jahren. Wobei ich vor allem auf Flowtrails und Wurzelpfade stehe. Drops und Hops sind nicht so mein Ding. Oder anders gesagt: Ich bin oft nicht die beste Technikerin in der Gruppe und mache meist den Besenwagen – dafür fühlen sich etwas weniger geübte Fahrerinnen und Fahrer garantiert wohl mit mir.

Und die richtig guten Biker langweilen sich?

Neeeiiiin, in Madeira haben wir einen super lokalen Guide. Technisch absolut top. Dem reicht nicht so schnell einer das Wasser. Und auf den Biketouren in der Schweiz lasse ich die Schnellen und Mutigen jeweils vorfahren. So kommen alle auf ihre Kosten.

Bike Adventure Tour auf Madeira

Hast du schon ein neues Reiseprojekt?

Ich plane einen E-Bike-Tourenführer für die Schweiz. Auch hierzulande gibt es noch unglaublich viel zu entdecken.  Vor allem wenn frau mit einem E-Mountainbike unterwegs ist. Denn mit elektrischer Unterstützung fährt es sich anders als mit dem Bio-Bike. Auf dem E-MTB dürfen der Radius grösser, die Höhenmeter mehr und die Singletrails auch uphill sein. Gleichzeitig will man so ein E-MTB auf keinen Fall schleppen, schon gar nicht als 1,65-Meter-Frau. Darum taugen herkömmliche Mountainbike-Tourenführer nur bedingt für das Biken mit elektrischer Unterstützung. Diese Lücke möchte ich schliessen. Und zwecks Selbstschutz kann ich hier versprechen: Ich werde extrem grossen Wert auf fahrbare Anstiege und barrierefreie Weideübergänge legen.

Bei Bike Adventure Tours leitest du aktuell eine Woche Madeira und drei Tage Engadin. Warum gerade diese Destinationen?

Inseln finde ich super. Nicht nur weil sie überdurchschnittlich viele Küstenkilometer versprechen. Inseln haben es mir auch angetan, weil das Leben auf ihnen in der Regel entspannter ist als auf dem Festland. Madeira im Speziellen lockt mit ausgezeichneten Trails, einem super angenehmen Klima – und natürlich mit seinen unzähligen Blumen. Und das Engadin ist in der Schweiz einfach meine Lieblingsregion. Ich mag das Hochalpine. Die Weite im Val Mora. Und die Uina Schlucht – die mit dem Felsenweg sogar etwas Nervenkitzel verspricht.

Kann man da mit dem E-Bike auch mitkommen?

In Madeira ist das eigentlich nicht nötig. Weil wir maximal 600 Höhenmeter pro Tag zurücklegen. Dafür gibt es dank Shuttle-Service bis zu 2000 Tiefenmeter. Aber keine Angst: Das Ganze ist sehr flowig und entspannt. Und trotzdem hat man nach einer Woche Madeira garantiert Fortschritt in Sachen Technik gemacht.

Bei der Biketour im Engadin sind die ersten beiden Tage mit dem E-Bike kein Problem. Aber: Falls es diesen Herbst E-MTB-Interessenten gibt, bitte frühzeitig melden. Denn ich müsste mir die dritte Etappe selber nochmals anschauen, mit E-MTB. Die Herausforderung ist die Uina-Schlucht und der 1.5 Meter breite Pfad, der dort in den Felsen gehauen ist. Auf dem Felsenweg gilt zwar sowieso ein Fahrverbot, aber selbst das Gehen mit E-Bike könnte dort tricky sein. Denn zeitweise muss man das Bike mit einer Hand führen, damit man sich mit der anderen am vorinstallierten Sicherungsseil halten kann – und da können 12 Kilo oder 20 Kilo in der Hand einen grossen Unterschied machen. Das muss ich zuerst ohne Gäste testen, sonst ist mir nicht wohl dabei.

Andrea, vielen Dank für das Interview und für den Einblick in deine Liebe zum Zweirad.

Weitere Infos findet ihr auf Andreas Reiseleiterprofil

Biketour im Engadin mit Guide Andrea