Reiseberichte
Grenzerfahrungen im Himalaja
Bikeexpedition von Lhasa nach Kathmandu
Wer mit dem Mountainbike von Lhasa nach Katmandu fährt, lernt eine fremde Kultur, aber vor allem sich selber kennen.
Von Daniel Bach
«Sugar in your tea?» Die Frage wird im Laufe der drei Wochen zum Ritual. Jeden Morgen bringt der Koch eine Tasse heissen Tee ins Zelt. Ein Luxus, der nicht zu verachten ist, denn im Himalaja sind die Nächte so kalt, dass bei Sonnenaufgang eine Eisschicht auf den Zeltplanen liegt. So können wir noch ein paar Minuten im warmen Schlafsack liegen und uns vor dem Start in den neuen Tag innerlich etwas aufwärmen. Das Frühstück nehmen wir mit Handschuhen und Faserpelzmütze ein, dick eingepackt in drei Schichten Wärmekleidung. Und fragen uns dabei immer wieder, warum wir eigentlich nicht irgendwo in der Karibik am Strand liegen und die Seele baumeln lassen.
Die gleiche Frage stellt sich im Aufstieg zu einem Pass noch ein paar Mal. Die Füsse sind eiskalt, der Puls rast, und die Lunge bekommt nicht mal annähernd genug Luft. Wir kämpfen uns auf dem Mountainbike mit sechs bis acht Stundenkilometern holprige Schotterpisten hinauf, deren Steigungen mir zu Hause bestenfalls ein müdes Lächeln entlocken würden. Doch auf 5000 Metern über Meer ist alles anders: Ich muss anhalten, um einen Schluck zu trinken, damit ich nicht plötzlich in Ohnmacht falle. Abends schmerzt der Kopf von der Anstrengung in der ungewohnten Höhe, und auch der Körper ist so erschlagen, dass ich schon um acht Uhr im Schlafsack verschwinde. Viel Schlaf bekomme ich allerdings nicht, weil man sich in dieser Höhe zumeist hellwach durch die Nächte quält.
Die Höhe ist zwar die grösste, bei weitem aber nicht die einzige Herausforderung auf den 1000 Kilometern zwischen der tibetischen und der nepalesischen Hauptstadt, eine Reise, von der die ersten rund 900 Kilometer auf chinesischem Staatsgebiet liegen. Die Hauptstrassen entsprechen schlecht unterhaltenen Schweizer Feldwegen und verwandeln sich bei Regen in unberechenbare Schlammpisten. Die Tibeter lächeln zwar jederzeit freundlich, verstehen aber kein Wort Englisch und sind so arm, dass wir das schlechte Gewissen auf unseren Rädern, die mehrere Tausend Franken gekostet haben, kaum unterdrücken können. Ihre buddhistischen Klöster mit den fantastischen Kulturgütern existieren nur noch zu einem kleinen Teil, weil die Chinesen sie genau so gezielt zerstört haben wie die meisten tibetischen Viertel in den Städten. Die systematische Beseitigung einer Kultur sorgt bei uns für Wut und Ernüchterung
Sprachlos ergriffen
Doch das ist nur die eine Seite. Im Gegenzug erhalten wir auf dem Dach der Welt viele Eindrücke, die bei uns nicht zu haben sind. In den endlosen, kargen und menschenleeren Hochebenen fühlen wir uns so klein und verloren, dass uns die eigene Bedeutungslosigkeit wohltuend bewusst wird. Als wir auf dem Pang-La-Pass um die letzte Kurve kommen und und vor einer Kette mit fünf Achttausendern stehen, fehlen uns die Worte, um unsere Ergriffenheit auszudrücken. In den wenigen erhaltenen Klostern staunen wir über die Lebensfreude, mit der die jungen Mönche allen Widerwärtigkeiten zum Trotz ihre uralten religiösen Rituale zelebrieren. Und über die Lichtspiele in dieser ewigen Landschaft mit ihren vielen Wetterumstürzen - Schneestürme und Hitze wechseln manchmal im Minutenrhythmus - liesse sich ein eigener Artikel schreiben.
Natürlich könnte man diese Erinnerungen auch vom Jeep aus sammeln - ohne Kopfweh und Atemnot. Doch wir zwölf Teilnehmer unserer Reisegruppe haben uns entschlossen, das Eintauchen in eine noch immer sagenumwobene Kultur mit einer extremen sportlichen Herausforderung zu verknüpfen. Was uns antreibt, ist die Frage, ob wir mental und körperlich in der Lage sind, auch in dieser lebensfeindlichen Umgebung eine Ausnahmeleistung zu erbringen.
Unsere Gruppe ist bunt gemischt: Vom 25-jährigen Lastwagenmechaniker über die 38-jährige Kindergärtnerin bis zum 52-jährigen Drogisten sind alle Alters- und Einkommensklassen vertreten. Eines allerdings verbindet uns: Wir suchen auch sonst immer wieder unsere Grenzen. Stefan und André sind Triathleten, René hat per Velo den höchsten Strassenpass der Erde bezwungen und Flavia war schon etwa zehnmal auf dem Kilimandscharo. Guido könnte den Engadin-Skimarathon mit geschlossenen Augen laufen, und Bea, unsere Reiseleiterin, fährt bereits zum vierten Mal von Lhasa nach Katmandu.
Die einschlägige Erfahrung zahlt sich aus. Alle fahren die Pässe mit der meditativen Ruhe des Ausdauersportlers: im Rhythmus, der fordert, aber nicht überfordert und der den Kopf frei macht, damit die Gedanken zirkulieren können. In den mehrstündigen Aufstiegen horchen wir auf jedes noch so leise Signal der Überanstrengung, welches der Körper aussendet. Denn es könnte das letzte sein vor dem Zusammenbruch, wenn wir es ignorieren würden. Oben, wo die tibetischen Gebetsfahnen im Wind flattern, gratuliert jeder dem andern für die eiserne Selbstdisziplin, die er bei diesen extremen Belastungen aufgebracht hat.
Stolz, es geschafft zu haben
Ohne gesundheitliche Probleme schafft es keiner bis nach Katmandu. Kopfschmerzen haben alle irgendwann, dazu kommen bei einigen Teilnehmern Fieber, Durchfall und Erschöpfungszustände. Die meisten legen zwischendurch einen Jeep-Tag ein, weil der Körper streikt und sie sich daran erinnern, dass der Hausarzt vor Anstrengungen auf dieser Höhe gewarnt hat. So kommen alle ohne Komplikationen durch, welche die Fortsetzung der Reise in Frage stellen würden.
Auf die Stimmung schlagen die Beschwerden nie. Im Gegenteil: Mit jedem Pass, den wir überwinden, werden wir euphorischer. Und im Swimmingpool des nepalesischen Luxushotels mit Blick auf den Mount Everest stellt sich auch Stolz ein - der Stolz, etwas geschafft zu haben, was nicht viele können.
© Tages-Anzeiger vom 27.02.2002
Lhasa nach Kathmandu Reisedaten:
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