Reiseberichte
Zwischen Mount Everest und K2
Indien, die einwohnerreichste Demokratie, ist eine Welt für sich - mit nichts vergleichbar - und noch immer eine Welt voller Gegensätze. Mit den farbenfrohen Bildern eines Kaleidoskops vergleichbar sind die trotz der riesigen Entfernungen stets wechselnden Landschaften, die prächtigen Paläste, Tempel und Bauten als Zeugen einer anderen Zeit, das Menschengewirr, die verschiedenen Sprachen, Sitten und Bräuche der unterschiedlichsten Menschen eines einzigen Kontinents. Der Reisende ist immer willkommen - er wird mit dem totalen Reiseerlebnis belohnt.
Ein Reisebericht von Kurt Kopp, Münchwilen
Nach einer über einem Jahr dauernden Vorbereitungszeit und mehr als 150 Trainingsfahrten auf meiner Hausstrecke Münchwilen-Eiken-Schupfart-Münchwilen innerhalb der letzten sechs Monate konnte ich es kaum erwarten, endlich Richtung Himalaya zu starten. In einer Gruppe von acht Radlern trafen wir uns im Flughafen Kloten über das Wochenende, als in Agra zwischen den verfeindeten Atommächten Indiens und Pakistans eine Annäherung geführt wurde. Thema des Gipfeltreffens war Kaschmir. Eine 720 Kilometer lange Waffenstillstandslinie trennt das Land im nördlichen Zipfel Indiens in einen pakistanischen und einen indisch besetzten Teil. Der 53-jährige Konflikt sollte endlich auf friedlichem Weg beendet werden. Wir werteten dieses Treffen als positives Vorzeichen für unsere Expedition. Mit viel Gepäck und eigenem Velo erreichten wir nach einer Zwischenlandung in Dubai die Hauptstadt In-diens. In New Delhi staunten wir erstmals über die Menschenmengen, die Hitze und die feuchte Luft. Hier trafen wir unseren Reiseleiter Stefan, der uns gleich zum Bus führte. Er wird selber mit uns biken. Unser Begleitfahrzeug, ein kleiner Bus, wurde verladen mit unserm Gepäck, Nahrungsmitteln, Getränken im Innenraum und mit zehn Velos (inkl. ein ganzes Ersatzbike).
Mit offenen Augen und...
...mit wenig Worten begegneten wir dem indischen Alltagsleben. Das Fahren auf der linken Seite erhöht sozusagen das überfüllte Nebeneinander von Lastwagen, Bussen, PWs, Fahrrädern, Rikschas (Zweiradwagen für Personenbeförderung), Tuck-Tucks, Fussgängern, Ochsenkarren, Kamelen, Elefanten und heiligen Kühen! Verkehrsregeln existieren zwar, aber nur wenige halten sich dran. Auffallend die rosafarben gekleideten Männer, die an geschmückten Stangen mehrere Liter heiliges Wasser vom Ganges weit nach Hause tragen. Neben den verschiedenen Kopfbedeckungen der moslemisch und hinduistischen Turbans leuchten die Saris (Wickelgewänder aus Baumwoll- oder Seidenstoff) der Frauen besonders geschmackvoll. Fast unglaublich, wie diese dem Staub und den Abgasen trotzen. Auf unserer zweitägigen Fahrt nach Manali hielten wir bei einem Reisanbaufeld; neben Weizen das Hauptnahrungsmittel. Der «Modern Hair-Dresser» für Ladies und Gents besteht aus einer Holzbaracke mit Plastikdach und einem desolaten Stuhl im Freien. Von einer Plakatwand lächelt Priyanka Chopra, die Miss World 2000. Indien brachte seit 1994 bei Schönheitswettbewerben sieben internationale Titel hervor. Im Kulu-Tal, wo wir zum ersten Mal etwas kühlere Luft witterten und den ersten Schneeberg erblickten, verkündet eine riesengrosse Tafel: Willkommen im Tal der Götter!
Wenig später die Strassensperre: Ein Tanklastwagen ist in den Fluss gestürzt. Die Versuche, diesen wieder hoch zu bekommen, grenzten an Unglaubwürdigkeit, Gefährlichkeit und chaotischer Organisation- oder organisiertem Chaos! Dies liess nicht nur unsere Augen, sondern bestimmt auch unsere Münder offen stehen.
«Julee!» heisst sowohl «Guten Morgen/Tag/Abend» sowie auch «Seien Sie gegrüsst/Auf Wiedersehen». In Manali auf 1830mü.M. nutzten wir die ersten Kilometer zur Akklimatisation in der Umgebung zum Besuch des Tempels der Göttin Hadimba. Viele Kinder sprangen uns nach oder wollten beim Vorbeifahren in unsere Hände klatschen. Bei der Hitze und der feuchten Luft flossen die ersten Schweisstropfen. Im Schatten einer Pergola eines tibetanischen Cafés erholten wir uns über Mittag. Beim Wegtragen beobachteten wir den Kellner, wie er unsere leeren PET-Flaschen kurzum in den Beas-Fluss warf.
Am freien Nachmittag verzichteten wir nach der steilen Auffahrt nach Vaishisht gerne auf ein Bad in den heissen Sulfatquellen. Manali im Bundesstaat Himachal Pradesch mit seiner durcheinander gewürfelten Ansammlung architektonischer Neubausünden ist ein beliebter Ort, wohin die indische Oberschicht während der heissen Zeit im Flachland in die Ferien geht. Ein Tempel in der etwa 7000 Einwohner zählenden Stadt ist dem Gott Manu gewidmet. Neben etwas besseren Läden reihen sich unzählige Bretterbuden aneinander. Einheimische wollen vor allem Safran und Moschus (Duftstoff von Säugetieren) verkaufen. Wir genehmigten uns das vielleicht letzte Bier auf unserer Tour - als Schlummerbecher.
Mit Cindy unterwegs
Endlich war es soweit. Leh, unser Ziel am Indus-Fluss, lag rund 500 Kilometer vor uns. An einem Felsen lasen wir den Hinweis: «Be gentle on my curves» (sei vorsichtig mit meinen Kurven). Tina fotografierte dieselbe Stelle und wir fuhren mit Alain durch schöne Mischwälder vorbei an Kothi. Kaum hielten wir an, rannten Kinder herbei und wollten die Velos sehen und anfassen. Während des Fahrens stiess eine frei laufende, wunderschön hellbraune Hündin zu uns. Wir blickten zu Stützmauern hoch und nannten diese die «indische Tremola». Nebel verhinderte weitere Sichtblicke. Die Strasse war ordentlich geteert, aber schmal. Die wiederholten Aufforderungen zum Hupen machten vollen Sinn. Statt sich den Gefahren auszusetzen und auf sein Recht zu beharren war es klüger, den vielen Lastwagen auszuweichen, ja besser noch anzuhalten und sie passieren zu lassen. Ein weiterer Gedankenanstoss lieferte uns beim zweiten Halt die Inschrift: Wir akzeptieren die Herausforderung des Himalayas zwischen Mensch und Maschine, Moral und Instandhaltung, Begeisterung und Richtigkeit, Würde und Sauberkeit, Rechtschaffenheit, Inspiration, Zierlichkeit, Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit. Bei diesem kioskähnlichen Shop tranken wir Cola, Zitronentee und viel Mineralwasser. Im Begleitbus lagerten noch 18 Kartons mit je 12 Petflaschen Wasser. Viel Flüssigkeit zu sich nehmen gehört zu den wichtigsten Massnahmen gegen die Höhenkrankheit. Allmählich spürten wir die gut gemeinten Ermahnungen von Stefan, sich nur noch kleinen Anstrengungen hinzugeben. Wir hatten nichts zu forcieren. Gleich zwei folgende gelbe Tafeln passten genau dazu: «Darling, ich will dich, aber nicht so schnell» und «Je mehr du eilst, desto eher du schleuderst.» Bei Dett Marhi auf 10866 Feet (ca. 3300mü.M.), einem kleinen Plateau, überraschten uns die sechs Begleiter mit den bereits aufgestellten Zelten. Für das Abendessen mussten die ersten zwei der zehn auf dem Dach mitgeführten Hühner ihren Kopf herhalten. Wer liegt denn da neben unsern Rädern? Die Hündin Cindy! In Anlehnung an den Filmstar Crawford mit ihrem aparten Punkt in Mundnähe tauften wir so unsere ganztägigge Begleiterin. Sie hielt sich verdächtig oft in meiner Nähe auf. Karel ironisch zu mir: «Weil du der Einzige bist, der sich gegen Tollwut hat impfen lassen.» Cindy war müde, wie wir alle auch. Gute Nacht!
Über den «Leichenhaufen» zum Diabolus malfunctionis
Der erste Blick aus dem Zelt liess nichts Gutes erahnen: Nebel und Nässe! Eine Tasse Kaffee ans Zelt gebracht, heiterte auf. Beim ausgiebigen Frühstück mit Chapati (dünne Weizenteigfladen über dem Feuer gebacken), Konfitüren, Honig, Butter, Cornflakes, Müesli, Porridge (warmer Haferflockenbrei im Suppennapf), Taostbroten, Tee, Milch und Kaffee durften wir auch noch Rühreier, gekochte Eier oder Omeletten dazu wünschen. Nicht vergessen durften wir, unsere Bidons (mindestens zwei) oder den Kamelbak (Wasserbeutel im Rucksack mit Saugrohr) aufzufüllen. Für unterwegs erhielten wir vom Veranstalter, der Bike Adventure Tours, diverse Riegel und isotonische Getränkepulver zum Mischen mit Wasser. Die Bergfahrt zehrte stark bei unfreundlicher und nasskalter Witterung. Auf dem Rohtang-Pass (auf tibetisch «Leichenhaufen») erhielten wir aus dem Bus eine warme Suppe. Zu diesem Namen kam dieser beinahe 4000er-Übergang durch seine nach 11 Uhr einsetzende unberechenbare Wettersituation, die schon zahllosen Reisenden das Leben kostete. Das schlimmste Unglück ereignete sich 1862, als 72 Brückenarbeiter von einem Blizzard überrascht wurden. Lawinen und Schneestürme mitten im Sommer sind keine Seltenheit. Klimatisch fungiert er auch als Wetterscheide, d.h., der vom indischen Subkontinent heraufziehende Südwestmonsun hat sich dort abgeregnet. Hinter dem Pass werden die Niederschläge spürbar (bis auf theoretische zwei Prozent Jahresniederschlag) reduziert. Auf der langen, aussichtsreichen Abfahrt zwingt mich leider der «Pannenteufel Diabolus malf» zum Anhalten. Wie sich der 10 Zentimeter (!) lange Nagel zweimal durch Pneu und Schlauch bohren konnte, weiss nur er. Ganz mulmig und abgehängt von der Gruppe und vom Bus fühlte ich mich, obwohl Marianne und Stefan mir halfen. Im enger werdenden Tal entlang des Chandra-Flusses säumen eine Anzahl kleinere, isoliert gelegene Gehöfte die Route. Kurz vor unserem zweiten Camp, direkt am Fluss gelegen, bei Khoskar auf 3050mü.M., ein Strassenschild in Gelb mit schwarzer Schrift: Fahre mit Pferdestärke, nicht mit Rumstärke. Wir radelten trocken, auf tatsächlich wieder trockenen Strassen.
Zum «Internet-Stein 357»
Bei Sonnenschein starteten wir zur Etappe drei vorbei an Tandi, wo das Tal langsam breiter wird. Hier vereinigen sich die Flüsse Chandra mit Bhaga zum Chenab. Ab und zu erhaschten wir einen Blick auf Schneeberge. Bei hohen Temperaturen erreichten wir auf chörtenumgebener Piste den Mittags-Halteort (Chörten sind glockenförmige, weisse Kuppeln. Sie sind die ältesten religiösen Bauwerke für sterbliche Überreste der Buddhas). Ihre Form spiegelt die Philosophie wider: Der Unterbau symbolisiert die Erde, der spitz zulaufende Mittelteil steht für den Bereich jenseits von Tod und Wiedergeburt und der krönende Schirm demonstriert königliche Würde. Oasenhaft auf einem Plateau liegt Keylong, umgeben voller Weiden und Pappeln, ideal als Ausgangspunkt für Besuche von vier buddhistischen Klöstern. Diese ehemalige Karawannenroute ist zwar schon seit 1974 für Fahrzeuge erschaffen worden, aber erst seit 1988 für Touristen geöffnet. Zu Beginn gab es noch sieben, heute noch zwei Kontrollposten zwischen Manali und Leh. Wir passierten einen riesigen, gelben Betonblock mit schwarzer Schrift: «Wenn Du nach Hause gehst, dann erzähl von uns für ihr Morgen, das wir Dir heute geben.» In langen Steigungen drückte die Hitze bei Windstille und liess den Puls deutlich höher schlagen. Ganz nach dem Motto der nächsten Tafel: «No hurry no worry» verlangsamte ich. Die Steigungsmaxima betragen mit Rücksicht auf die vielen Transporte durchwegs zwischen fünf bis sieben Prozent. Sehr gespannt fuhr ich dem Grenzstein entgegen, den ich im Internet fand. 357 Kilometer vor Leh stieg ich ab und küsste ihn, denn diesen will ich zuhause nachbauen. Nach einer gefährlichen Abfahrt mit Sand und Steinen übernachteten wir am idyllischen Platz auf 3300mü.M. Eine Kindergruppe näherte sich mit der Bitte um Schokolade. Die Etappe vier wurde zum Test unserer Regenbekleidungen. Ich duchwatete eine überschwemmte Strasse, andere probierten durchzurollen. Eine unvorstellbare Stein- und Geröllwüste in menschenleerer Einöde lag vor uns, beinahe feindlich und abweisend, wie die dunkle Seite des Mondes. Umso herrlicher empfanden wir unsern Lagerplatz auf 4370 Höhenmetern. Vom abwechslungsreichen Abendessen konnten wir kaum genug kriegen: Thukpa (Nudelsuppe mit Gemüse und Fleisch), Reis, Tandoori-Hühnchen (mit einer würzigen Yoghurtsauce bestrichen), Momos (gedämpfte Gemüseteigtaschen), Dal Bhat (Linsenbrei in grüner Sauce) und Käsekuchen zum Dessert. Auf jeden Fall eine Gewaltsleistung der Küchenmannschaft, auch wenn mir das Ganze «zu rassig», lies scharf schmeckte. Auf der Etappe fünf glaubten wir uns in Nebelfahrt endlich auf dem Sattel, weit gefehlt! Auf teerlosem Belag, vorbei am türkisfarbenen kleinen «Sonnensee» näherten wir uns nur mühsam dem Baralacha-Pass und dessen 5000-Meter-Grenze. Im Bus wärmten wir uns auf von dieser windumpeitschten, braun-weissen Ödnis. Auf der Abfahrt wurden wir Zeugen unglaublicher Szenen: Ein Strassenstück soll geteert werden. Steine werden zusammengesucht, in Tüchern auf die Strasse getragen, mit Hämmern klein geklopft, aufgehäuft und auf die Fahrbahn geworfen. Mit Schöpfbechern wird Teer über die Steine geleert. Weil noch zu holprig, wird nochmals geteert. Für diese «Sklavenarbeit», welche durch ganze Familien samt Frauen mit Kleinkindern verrichtet wird, die weder Kälte noch Höhe vertragen, gibts umgerechnet einen Franken pro Tag. Und dies ohne Unterkunft und Verpflegung. Eine ganz bittere Realität, aber eben auch eine! Während des Mittagessens erfuhren wir, dass die Strasse in etwa acht Kilometer unterbrochen sei! Jeder versuchte, irgendwo und irgendwie durchzukommen. Nur unser Bus war stecken geblieben. Nach dem Total-Chaos erlebten wir eine Abfahrt in einer Umgebung unendlicher Variationen von Farben und Formen, beleuchtet von der Abendsonne. Bei verspäteter Ankunft im Lager auf 4200 Meter ernannten wir den bereits zweimal angetroffenen Spruch «Better late than never» zu unserem Tourenleitsatz.
Ein langer Tag zum Taglang La - wie Eddy...
Nach dem Schild «Willkommen im Paradies von Indien» erfuhren wir dies hautnah entlang der durch Erosion gigantisch gewachsenen Flusslandschaft. Sehr lange erschienen mir die Steigungen zum Doppelpass Nikli- und Lachalung-La (La heisst Pass), beide echte 5000er. Der Zweite, dachte ich, ist bald erreicht. Doch, oha lätz!, er wurde zur Probe für Herz und Lunge. Nach dem Lager auf 4600 Meter lassen wir eine Militärlastwagenkolonne von zirka 100 Fahrzeugen passieren. Fast alle winkten uns zu. Hat sich das Gipfeltreffen von Agra entspannt oder verschärft? Nach der Moraplan-Ebene, einer wasserlosen Hochwüste, erreichten wir den Tsokar (Tso=See). Hier leben Nomaden mit Jaks (einer Art «Plüschkuh», die bei 0°C schon zu Schwitzen beginnt), Pashima-Ziegen, Changluk-Schafe, Kyangs (tibetische Wildesel), Pferde und Kleintiere. Auf 4450 Meter spannt sich über unsere Zelte ein doppelter Regenbogen. Auf der historischen Route, die nur während dreier Monate geöffnet ist, starteten wir zur achten Etappe bei schlechten Wetteraussichten. Die letzten acht Kilometer erschienen mir wie eine Weltreise. Ich traf Sebastian und wir erreichten diesen zweiten höchsten Pass gemeinsam. Auf dieser Höhe kann der Körper nur noch etwa 50 Prozent leisten. Ich sang: «Alles hat ein Ende, nur...» mit Verschnaufpausen. Auf der sehr langen Abfahrt und der Tafel «Welcome you to Ladalk» erschienen die Berge in Türkis und Purpurrot aus Jaspis, Granit und Quarz. Vor unserer letzten Übernachtung im Tausend-Sterne-Hotel erzählte J.K. (der Chef der Begleitmannschaft) aus dem Jahre 1998. Er ist stolz, dass er damals den König der Landstrasse, Eddy Mercks, höchstpersönlich begleiten durfte. Auf meine Frage, ob Eddy (damals auch 53-jährig), leiden musste, antwortete er: «Genau so wie wir!»
Zur Kaiser-Etappe
Nach den letzten 50 Kilometern auf staubiger Strasse, grosser Hitze und dreckigen Abgasen freuten wir uns, unfallfrei im Hotel Spik and Span von Leh, der Metropole Ladakhs, ein Bier, eine heisse Dusche und noch ein Bier zu geniessen. Zur letzten Etappe mit Tagwache um 5 Uhr (!) sollte alles stimmen: 40 Kilometer Bergfahrt zum höchsten Pass, dem Kardung La auf 5600 Meter, stand bevor. Reine Willenssache? Ich hatte Kopfweh, Durchfall, Knieschmerzen durch Anprall und Pannen überwunden. Was konnte mir noch passieren? Einiges! Ich musste auf meinen Körper hören, Puls zählen und achten, nichts zu übertreiben. Die dünne Luft und die Kälte setzten zu. Ich war nervös und wurde sehr feinfühlig. Ich war unterwegs auf der «Strasse meines Lebens» und freute mich wie ein Kind. Durchgeschüttelt von Kopf bis Fuss aus einer Mischung Müdigkeit, Erlösung und Freude stand ich auf dem «Mount Everest für Velofahrer». Welch ein Glücksgefühl wie in einem Bade voller Zufriedenheit! Eine Stimmung herrschte, die schier betrunken machte, denn ich glaubte, den Mond zu betreten. Ich sang: «Mer sind mit em Velo doo». Radfahren ist auch meditieren. Von diesem wohl geheimnisvollsten, einsamsten, härtesten, gefürchtesten und höchsten Pass trägt der Wind die buddhistischen Gebete auf den farbigen Fahnen in alle Richtungen. Der Kardung-La ist der himmlischste Pass auf Erden.
Die prägende Blume im Bukett
Die letzten Tage nutzten wir zur Erholung, zum Einkaufen und zum Besuch einer Morgenandacht im Kloster Hemis, wo noch 500 Mönche leben. Beim Coiffeur bezahlte ich nach 30 Minuten schneiden und einer gekonnten Kopfmassage ganze 20 Rupien = 80 Rappen. Der Flug von Leh nach Delhi gehört zu den schwierigsten überhaupt, weil die Piloten über den Himalaya (Heimat des Schnees) rein auf Sicht fliegen müssen. Diese weckt mit seiner unendlichen Einsamkeit ein übermächtiges ehrfurchtvolles Gefühl herbei. In Delhi erwartete uns eine Stadtrundfahrt mit Extrafahrt zum Hauptbahnhof. Der Gepäckarbeiter, dem ich ein SBB-T-Shirt verschenkte, wird es wohl nur an Sonn- und Feiertagen tragen. Mit den Gegensätzen und Extremen, bestimmt durch uralte Ordnungen und Bräuche, unvorstellbarem Reichtum und bitterer Armut, wo 50 Prozent Analphabeten neben weltbesten Wissenschaftlern und Ingenieuren hausen, wurden wir wie in einem Panoramafilm auf der Fahrt nach Agra konfrontiert. Das Tadsch Mahal ist ein Grabmal aus dem Jahre 1648 und gilt als das meist fotografierte Gebäude. Leider hat das Gipfeltreffen Pakistan/Indien keine greifbaren Einigungen gebracht. Im Land, das vier Hauptreligionen hervorbrachte, wo 35 Sprachen mit eigener Schrift und 22000 Dialekte bestehen, oder wo das erste Gespräch über Handy geführt wurde, erlebten wir unsern letzten eindrucksvollen Tag. Wegen Verwicklung von Wasserbüffeln in einen Unfall reihten sich auf der Autobahn sogar Kamele mit Karren in die Kolonne ein...
Indien ist ein Mythos, eine Idee und ein Traum, und trotzdem ist es sehr real und allgegenwärtig. Indien ist wie ein bunter Strauss und Ladakh eine Blume in ihm... Indien prägt.
Beratung und Verkauf:
bike adventure tours
Obere Bahnhofstrasse 13
8910 Affoltern am Albis
Tel. 00 41 (0)1 - 761 37 65
Fax 00 41 (0)1 - 761 98 96
info@bike-adventure-tours.ch
www.bike-adventure-tours.ch
Fragen oder Feedback direkt an den Autor.
|
|
||
|
|


